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langweilig und dann doch nicht

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Rumpelstilz

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Achtung: der folgende Text ist eher eine Reflexion für mich. Er mag konfus wirken, wenn man ihn losgelöst liest. Also bitte keine Hemmungen - ich erwarte nicht, dass das jemand liest oder gar nachvollziehen kann!

Dieses WE habe ich eine längere Abhandlung von Lantolf und Thorne über "sociocultural theory and second language learning" gelesen. Erst war es langweilig, zum x-ten Mal wurde das soziokulturelle Konzept von Vygotsky erklärt. Es kamen einige Aspekte auf, die ich etwas anzweifle, so zum Beispiel, dass es Mensch und Tier unterscheide, dass der Mensch plant und das Tier nicht. Soweit ich weiss, gibt es neuere Studien, die auch bei Tieren Planung zeigen. Aber ich bin nicht so sehr an diesem Thema interessiert, dass ich es verfolgen würde.

Eine weitere Stelle, die ich seltsam fand, war, als "misconceptions" der soziokulturellen Theorien erläutert wurden. So wurde z.B. erklärt, dass 'scaffolding' nicht das gleiche sei wie die ZPD, weil sich scaffolding auf unstrukturierte Hilfe beziehe, die nur darauf abziele, den Auftrag zu erfüllen, und nicht darauf, Weiterentwicklung zu ermöglichen. Obwohl sie sich beim Ausdruck scaffolding u.a. auf Wood, Wertsch, Tomasello und Bruner beziehen, die auch ich als Referenzpunkte genommen hätte, halte ich diese Aussage für falsch: Scaffolding an sich sagt noch nichts darüber aus, wie es angewendet werd. Wir haben kurz vorher in diesem Modul gerade eine Studie gelesen (von Bruner und Wood!) wo es darum geht, was scaffolding im Detail sein kann. Aber egal, wie scaffolding definiert wird: Scaffolding ist etwas, das in der ZPD stattfindet - auch wenn es nicht strukturiert und graduiert ist, ist es trotzdem nicht so, dass es mit der ZPD gleichgesetzt wird. Ich hoffe, dass dieses Thema später noch (kontrovers) in den Modulforen diskutiert wird.

Für die beiden Forscher ist Sprache das Hauptmittel, das zwischen kulturellen Aktionen und psychologischem Bewusstsein vermittelt. Sprache ermöglicht es uns demzufolge, dass wir Kulturtechniken erlernen und weiterentwickeln. Das klingt jetzt so etwas schwer nachvollziehbar, es wurde auch über ca. 20 Seiten erläutert.

Und dann wurde es trotzdem noch interessant: Es wurde erläutert, wie von Lernenden (möglicherweise) die Erstsprache als Referenz verwendet wird, damit die Zweitsprache sinnig wird. Diese Auführungen haben mir aufgezeigt, wie es sinnvoll sein kann, wenn im Fremdsprachunterricht punktuell die Erstsprache verwendet wird bzw. wenn die Lernenden untereinander gelegentlich beide Sprachen brauchen (Achtung: damit ist nicht ein Grammatik-Übersetzungskonzept gemeint!).

Und noch besser: Es fiel die sehr schöne Aussage, dass der gleiche Fehler, gemacht von verschiedenen Lernenden unterschiedliche Probleme repräsentieren kann (p. 213). Gerade beim Skiunterricht ist exakt das für mich ein Kernthema: Was gleich aussieht kann verschiedene Ursachen haben. Damit wird in diesem Studium erstmals angesprochen, dass vielleicht nicht alle Menschen gleich lernen.

Weiter wird dann auch (wieder mal) erklärt, dass man den Entwicklungsstand nicht nur daraus erkennen kann, was jemand selbständig tun kann, sondern auch, was er mit Hilfe zu tun in der Lage ist - also was seine ZPD ist. Dafür hatte ich auch grad ein schönes aktuelles Thema: Wir haben im Turnen ein Mädchen, das neu dazu gekommen ist, obwohl die Gruppe eigentlich voll ist. Die Eltern habe es quasi in die Gruppe gedrückt, weil es in einer anderen Gruppe unterfordert sei, weil es schon das Rad und den Aufzug am Reck kann. Nun, das stimmt. So gesehen ist sie anderen in der neuen Gruppe sogar voraus. Andererseits gibt es in der Gruppe aber Kinder, die können Rad und Aufzug noch nicht allein, aber sie haben schon deutlich weiter entwickelte Fertigkeiten im Bereich Körperkontrolle, Bewegungsausführung, Körperspannung etc. Obwohl diese Kinder weniger weit sind, wenn man testet, was sie selbständig können, so ist ihre ZPD deutlich grösser als die des neuen Mädchens (aber erkläre das mal den Eltern...Wenigstens hat sie mir ein schönes Beispiel geliefert).

Zum Abschluss wurden dann noch einige sehr schöne Beobachtungen aus dem Sprachunterricht präsentiert, zum Beispiel dass die Möglichkeiten der Instruktion beschränkt sind, das im Spracherwerb vieles 'zufällig' passiert, dass viel Sprachexposition wichtig ist, dass der Einfluss der Erstsprache auf die Zweitsprache limitiert ist, dass der Lernende nicht immer alles, was er gerade lernt, wieder reproduzieren kann etc.

Alles in allem ist eine Lektüre, die erst langweilig, dann schwierg und dann zäh war, zum Schluss noch äusserst interessant geworden und hat mir zu einigen neuen Einsichten verholfen.

Morgen startet unsere Tutor Group Forum. Ich hoffe sehr auf eine interessante, engagierte Gruppe, denn ich habe Diskussionsbedarf!

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3 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Zone of proximal development - Zone der nächsten Entwicklung.

Gemäss Vygotsky gibt es den aktuellen Entwicklungsstand: das, was ein Lernender allein im Stande zu tun ist. Und eben die Zone der nächsten Entwicklung: der Bereich, in dem der Lernende mit Unterstützung agieren kann. "Scaffolding" wird dabei die Unterstützung genannt (soweit ich weiss, kommt dieser Begriff nicht von Vygotsky selber, sondern von Bruner und Wood).

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Ach so! Ich vermute, dass ich darüber was gelesen habe. Irgendwie kommt es mir bekannt vor.

Ich finde es sehr interessant, wenn du deine eigenen Ansichten und Meinungen erläuterst, ich lese das immer sehr gerne. Schade, dass du dem Thema Mensch/Tier nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken willst. Bei mir hat das gerade am Interesse angedockt :-)

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