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Meine Erfahrungen mit meiner Lernlust

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Lernfrosch

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Sie war auf seltsame unbestimmte Weise schon immer irgendwie da - die Lernlust, die Freude neues zu entdecken, Themen zu ergründen.

[Achtung, langer Text! Ich kann mich leider nicht kurzfassen...]

... An die ersten drei Jahre meiner Grundschulzeit habe ich sehr positive Erinnerungen.

Ich freute mich, endlich in die Schule gehen und lernen zu dürfen. Ich war in einer sehr kleinen Schule. In meiner Schulklasse waren wir nur 18 Schüler, zwei Drittel davon Jungs. In einigen Fächern wurde unsere Klasse nochmals geteilt. Frontalunterricht gab es nur selten. Stattdessen bekam jeder am Montagmorgen einen schriftlichen Wochenplan ausgehändigt. Auf diesem standen nach Themen bzw. Fächern sortiert Pflichtaufgaben, die es zu erledigen galt, und Wahlpflichtaufgaben, von denen man sich einige aussuchen musste. Jeder bekam einen individuell auf den eigenen Lernstand abgestimmten Wochenplan. Man bearbeitete seine Aufgaben relativ selbständig, konnte sich mit anderen Schülern zusammenfinden oder alleine lernen. Unsere Lehrerin unterstütze dieses selbständige Lernen, sie leitete uns dabei an, ließ sich von jedem einzelnen die erledigten Aufgaben vorzeigen und notierte das auf dem Wochenzettel. Bei Schwierigkeiten mit den Aufgaben erklärte sie in Einzelgesprächen und führte Schüler gezielt zum weiteren Üben in Kleinstgruppen (2-3 Personen) zusammen. Hausaufgaben gab es auch in invidueller Absprache zwischen Schüler und Lehrern; dies waren Aufgaben, die noch als unerledigt auf dem Wochenplan standen.

Es entstand nie Durcheinander oder Chaos. Jeder lernte seinen Bedürfnissen entsprechend. Selbstverantwortung und freie Zeiteinteilung wurden gefordert und gefördert. Es kam oft vor, dass viele vor Wochenende mit den Aufgaben fertig waren. Dann konnte man in Absprache an eigenen kleinen Projekten arbeiten, die ebenso gleichwertig und mit demselben Anspruch zu bearbeiten waren wie die Pflichtaufgaben. Diese Aufgaben entsprachen voll und ganz den Neigungen und Interessen des jeweiligen Schülers. Das waren Aufgaben auf die man sich freute, für die man gerne bereit war sich zuvor mit eher unschönen Pflichten zu befassen. Und es war durch die individuellen Pläne dafür gesorgt, dass jeder diese Aufgaben mit gleicher Anstrengung erreichen konnte, auch wenn jeder etwas unterschiedliches dafür tun musste.

Es gab auch regelmäßige Klassenarbeiten, in denen alle dieselben Aufgaben bearbeiteten. So unterschiedlich jeder auch zuvor gelernt hatte, so war doch jeder in der Lage diese Aufgaben zu bearbeiten.

Es gab regelmäßige Ausflüge, z.B. ins Theater, in den Wald oder auf den Wochenmarkt. Immer ging es darum, nicht nur für und in der Schule zu lernen, sondern vorallem auch für das Leben.

Es wurde viel Wert auf Individualität gelegt. Doch es gab auch einen festen Zusammenhalt der ganzen Klasse und Schule. So gab es z.B. ergänzenden freiwilligen klassenübergreifenden Unterricht im Anschluss an den regulären Unterricht oder (soziale) Projekte, an denen die gesamte Schule mitwirkte.

In der vierten Klasse wechselte ich wegen Umzugs in eine städtische Grundschule. Dort lernte ich eine gänzliche andere Schulwelt kennen, die ich nicht mochte. Es gab so viele Dinge, die ich zuvor nicht kannte. Große Klassen, laute Pausenklingeln, überfüllte Schulhöfe, gelangweilte Schüler, genervte Lehrer, Frontalunterricht.

Lernlust? Fehlanzeige! Lernfrust.

Ein Jahr später, ich wechselte auf eine weiterführende städtische Schule.

Ich verband damit die Hoffnung, dass Lernen wieder so schön werden könnte wie zu Beginn meiner Schulzeit. Ich wurde enttäuscht und machte ähnliche Erfahrungen wie im letzten Grundschuljahr. Hinzu kam, dass an dieser Schule ein raues Klima im sozialen Miteinander (bzw. Gegeneinander) herrschte.

Ich hatte nach wie vor einen unbändigen Wissensdurst - im Deutschunterricht wurden Kinderbücher gelesen. In dieser Zeit begann ich mich von der inhaltlichen Seite der Schule abzuwenden. In meiner Freizeit las ich Bücher über Biologie/ Neurowissenschaften und Psychologie, begeisterte mich für Mathematik, Natur und Technik; in der Schule musste ich stundenlang Diktate mit "schwierigen Fremdwörtern" oder zum wer-weiß-wievielten-Mal den Dreisatz üben.

Lernlust wurde zu Lernfrust.

So konnte es nicht weitergehen!

Ich wechselte die Schulklasse und wurde erneut enttäuscht. Alles blieb wie es war. Um nicht das letzte Fünkchen Motivation und Freude am Lernen zu verlieren, ließ ich mich auf die Bitten einiger Mitschüler ein mich als Klassensprecher zur Wahl zu stellen. Ich hielt das anfangs für eine unsinnige Idee, doch nach erfolgreicher Wahl kehrte zaghaft ein Teil der früheren Lernlust zurück. Es gab mehr Mitspracherechte, ich wurde um meine Meinung gefragt und hatte wieder eine kleine Aufgabe. Ich behielt diese Aufgabe drei Jahre lang bei - dann gab ich sie auf, weil auch das nicht darüber hinwegtäuschte, dass ich immer noch von der Struktur des Unterrichts frustriert war und weiterhin selbst im kleinsten Rahmen kaum etwas daran ändern konnte (wobei, die halbjährlich stattfindenden Projekttage, die ich ausgehandelt hatte, die waren super!).

Ich wollte lernen und in der Schule fand ich nicht das, was ich brauchte. Also zog ich mich zurück. Ich lernte zu Hause und verträumte die Zeit im Unterricht in der Hoffnung, dass es irgendwann mal interessant werden würde. Das wurde es aber nicht und so vergaß ich das Aufwachen aus meinen Träumen und wurde am Jahresende unsanft geweckt, als es hieß, dass ich das Schuljahr gleich nochmal machen dürfe. Sch... gelaufen.

Und wie das dann so ist, wiederholte ich notgedrungen was man mir aufgetragen hatte. Von da an begann ich unentschuldigte Fehlstunden zu sammeln. Ich verbrachte meine "neu gewonne Freizeit" in der nahegelegenen Bibliothek und las in dieser Zeit viel über Biologie und Psychologie. Die Schule besuchte ich nur noch sporadisch; ich ging kaum zur Schule, weil ich Lernen wollte! Das klingt paradox und war doch real. Dann wurde ich länger krank. Ich verpasste insgesamt mehrere Monate lang den Unterricht und führte die Fehlstundenstatistik der Schule an. Doch ich wiederholte nicht nur das Schuljahr, ich wiederholte auch auch das Endergebnis des vorherigen Schuljahres. Damit wurde ich dann der Schule verwiesen.

Ergebnis: Zweimal das 9. Schuljahr nicht geschafft, Hauptschulabschluss verfehlt; dafür wurde in jenem Schuljahr bei mir eine Hochbegabung festgestellt.

Und ich wollte immer noch Lernen!

Neue Schule, neues Glück. Man nahm mich in dieser Schule auf, in die 10. Klasse. Ich verbrachte wenig Zeit in der Schule, nahm an der Abschlussprüfung am Jahresende teil und hielt das Zeugnis über den Realschulabschluss in der Hand.

Ich brauchte Abstand von allgemeinbildenden Schulen.

Ich begann eine Ausbildung an einer privaten Berufsfachschule, für die eigentlich das (Fach-)Abitur Zugangsvoraussetzung war. Ich bestand die Eignungsprüfung und durfte trotz fehlendes Abis dort anfangen. Für mich war diese Schule nur eine Zwischenlösung, eigentlich wollte ich mich beruflich anders entwickeln. Die Ausbildung sah eine reguläre Dauer von vier Jahren vor; ich beendete diese erfolgreich nach drei Jahren.

Das Lernen machte mir wieder Spaß, auch wenn es inhaltlich nicht das war, was ich mir vorstellte. Es gab keinen Frontalunterricht, es gab keine klassischen Stundenpläne, es gab keine normalen Klassen. Es gab zwar Pflichtveranstaltungen wie Vorlesungen und Seminare. Aber man lernte selbständig und kümmerte sich eigenverantwortlich um seine Lernfortschritte, die von Zeit zu Zeit überprüft wurden. Es gab Phasen von Einzelprojekten und Gruppenarbeiten, Tagesaufgaben und solche, mit denen man sich ein halbes Jahr lang beschäftigen musste. Klassische Schulfächer wie Mathe, Deutsch, Sprachen gab es nicht; nur ausbildungsbezogenes.

Nach dieser positiven Erfahrung meldete ich mich zum Fernabitur bei der Fernschule an.

Ich war wieder voller Erwartungen und Hoffnungen. Das Fernlernen an sich lag mir von Beginn an. Ich vermisste zu keinem Zeitpunkt den fehlenden Kontakt zu Mitschülern oder Lehrern. Gerade anfangs war ich von den Lehrinhalten enttäuscht. Der Kurs begann mit einer grundständigen Wiederholungsphase - und Langeweile. Die ersten Hefte waren zwar einfach, aber daher auch eine ziemliche Qual. Und so geriet ich schnell in Rückstand... Es gab Phasen, in denen ich vieles rasant aufholte und dann wieder zeitlich zurückfiel. Zwischendrin war ich mehrmals krank, was zu weiteren Verzögerungen führte. Ich konnte und musste sogar selbständig lernen, aber es machte mir wider Erwarten keinen wirklichen Spaß. Ich hatte weniger das Lernen als das angestrebte Ziel vor Augen. Der Kurs war für mich nur Mittel zum Zweck und ich belegte ihn mangels Alternativen. Ich war z.B. frustriert, als mehrere meiner in Eigenarbeit erstellten Einsendeaufgaben unkorrigiert und/ oder mit Plagiatsvorwürfen versehen an mich zurückkamen. So etwas trübte die Lust am Lernen ungemein, sodass ich auch hier fast aufgegeben hätte. Doch ich hielt durch und scheiterte an der Zulassung zu den Probeklausuren... Irgendwann nahm ich doch daran teil und bestand diese. Freude darüber? Es motivierte mich nicht zum Weiterlernen. Ich ließ den Vertrag mit der Fernschule auslaufen und verlängerte ihn nach Ablauf der Zeit nicht.

Während meiner Fernschulzeiten schrieb ich mich erstmals als Akademiestudierende an der FernUni Hagen ein; Psychologie und Philosophie. Und da kam sie wieder aus ihrem Versteck hervor, die Lernlust.

Während dieser Zeit wurde bei mir eine Schwerbehinderung festgestellt, die mich aber eigentlich schon mein ganzes Leben lang "unbenannt" begleitete und einst zu der Einschulungsempfehlung "Sonderschule" geführt hatte.

Ich fing an ohne Fernschule weiterzulernen nach meinem eigenen Konzept und nahm an der schriftlichen externen Abiturprüfung teil. Ich erhielt aufgrund der Behinderung zum ersten Mal in meiner Schullaufbahn gezielte Unterstützung in Form eines Nachteilsausgeiches (die Rahmenbedingungen wurden angepasst, die inhaltlichen Anforderungen und Aufgaben blieben gleich). Und ich hatte dadurch sogar richtig Freude beim Prüfungschreiben!

Den ersten Prüfungsteil der Abiprüfung habe ich mit einem Ergebnis bestanden, auf das ich stolz bin. Es ist das beste Zwischenergbenis, das ich je in meiner Schullaufbahn erzielt habe.

Der mündliche Prüfungsteil steht noch aus.

Dass ich nach dem Abi weiterlernen werde, steht für mich fest. Es soll - wie seit Kindheit an geplant - ein akademisches Präsenz-Studium (Humanmedizin) werden, ergänzt durch ein zusätzliches Fernstudium (Psychologie).

Ich bin sehr froh, die Erfahrungen in meiner ersten Grundschule gemacht zu haben. Es ist das, was mich bislang am nachhaltigsten geprägt hat und das, worauf ich immer wieder gerne zurückgreifen kann - eine Grundlage und das Fundament meiner unbändigen Lernlust.


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4 Kommentare


Was du von deiner ersten Grundschule erzählst klingt wirklich super, das wäre auch was für mich gewesen. Und der Rest kommt mir so bekannt vor (Unzufriedenheit mit Schule, deshalb lieber eigenständig zuhause lernen und sich zurückziehen usw.)

Meinen Respekt hast du! Dass du trotz der Schwierigkeiten so zielstrebig bist und nicht aufgegeben hast - klasse :)

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Markus Jung

Geschrieben

Danke für's mitmachen.

Was war denn das für eine super Grundschule? Hört sich wirklich für mich so an, wie lernen eigentlich sein sollte.

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Was war denn das für eine super Grundschule?

Das war eine private, staatlich anerkannte katholische Grundschule in Trägerschaft des Bistums, wobei Religion dort nur im Religionsunterricht eine tragende Rolle spielte und Religionszugehörigkeit keine Voraussetzung für den Schulbesuch war. Es gab kein starres Konzept, es ging um Ganzheitlichkeit und darum den einzelnen dort abzuholen wo er gerade stand, die Förderung von individuellen Begabungen und Schwächen. Es wurden daher verschiedene pädagogische Ansätze miteinander verbunden. Ein Schulmotto war "Neues wagen - Bewährtes bewahren", ein anderes Motto lautete "wir unterrichten keine Fächer - sondern Menschen".

Das war Mitte der 1990er-Jahre. Diese Schulen (es gibt in der Region mehrere Grund- und weiterführende Schulen) gibt es heute, zwanzig Jahre später, immer noch.

@kitsune:

Eine Sache habe ich nicht gelernt: aufzugeben. Das stand einfach nie bei den Auswahlmöglichkeiten als Option zur Verfügung :)

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Klingt echt toll und interessant!

Ich finde es toll, dass dich diese gute Erfahrung so weiter kämpfen hat lassen.

Die Grundschule klingt genauso, wie ich mir die Traumschule vorstelle. Individuelle Förderung von Kindern und Rücksicht auf die speziellen Bedürfnisse der Kinder. Das wird ja leider viel zu wenig beachtet. In meiner ganzen Schulzeit habe ich das eigentlich nie erlebt. Traurigerweise wird es auch oft von den Eltern auch nicht beachtet. Da ist sicher schon oft großes Potenzial verloren gegangen...

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