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Klinik-Praktikum in Corona-Zeiten

Vica

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Liebe Leute.

Seit 1 Woche läuft nun mein klinisches Praktikum. In einer Zeit, wo Menschen sich qua Gesetz von anderen distanzieren, begegne ich als sogenannter Systemrelevanter so vielen neuen Leuten wie noch nie zuvor. Mein Alltag ist ein 8 to 5 Job. Das ist ein absolutes Novum für mich: Ich hatte noch nie derart lange Arbeitszeiten. 



Praktikumsbetrieb:

Der Praktikumsbetrieb läuft bei uns trotz Corona weiter, was anders ist, als in vielen anderen Kliniken, wo sogar Famulaturen ausgesetzt sind. Dies wird so gehandhabt, da man davon ausgeht, dass die üblichen RKI-Vorgaben ausreichend sein werden: Hände desinfizieren (jaaa, es gibt wirklich noch ausreichend Sterilium für uns!), nicht mehr als 3 Personen pro Raum, Abstand usw. Zum anderen liegt es wohl auch am Personalmangel. Denn durch die Abstandsregelung sind nun die Gruppentherapien enorm verkleinert worden, so dass es nicht genug Therapeuten gibt, die diese durchführen können. 


Da müssen wir Praktikanten ran - nein, es gibt keine Einleitung. Nein, es erklärt niemand was. Nein, vorgestellt wird man auch nicht. Nein, die Praktikumsleiterin sieht man quasi nie ("Bei Fragen einfach melden...oder noch besser: jemand anderen fragen"). Nein, Therapien, die wir abhalten, werden nicht mit der Krankenkasse verrechnet.  

 

Wer sich auch etwas für uns interessiert, sind die PiAs (Psychotherapeuten in Ausbildung). Von denen gibts hier die volle Altersspanne. Im Median sind die vielleicht so 30 - 35, aber es gibt auch viele 40+ oder sogar um die 60. 

Mitpraktikanten:
Meine echten Mentoren sind die anderen Praktikanten. Mädels und Jungs, die Anfang 20 sind. Sie sind zum Teil schon 8 Wochen da und wirken durch den Trubel der letzten Wochen wie Leute, die dort seit 10 Jahren arbeiten. Sie kennen die Telefonnummer jedes Therapeuten auswendig, haben die Krankenakten aller Patienten samt Medikation im Kopf und wirken nicht nur fachlich enorm fit, sondern finden sich auch im Computer-Wirrwarr zurecht und haben für jeden Notfall eine kreative Lösung. Mit denen habe ich enorm Glück gehabt, denn ich lerne im Grunde alles von denen.

Die Gespräche mit den Praktikanten in der Freizeit sind ganz witzig. Früher wäre das bestimmt so in Richtung "Von welcher Uni kommst du? Wo hast du den Bachelor gemacht? Was war der Schwerpunkt? Wo machst du dann die PP-Ausbildung" gewesen. 
Aufgrund der Umstände sind die Gespräche aber hauptsächlich so:
- ,,Und, welche Po-Dusche verwendet ihr so?"
- ,,Wenn ich dir zwei Packungen Trockenhefe mitbringe, kannst du mir dann mit zwei Tassen Mehl aushelfen?"

- ,,Habt ihr euch schon getraut, das HAndy einfach mal unter das Sterilium zu halten oder wird es dann zu nass?"

 


Ablauf der Therapien:

In die Therapien wurde ich mehr oder weniger einfach reingeworfen. Ohne Erklärung oder sonstwas. Im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass ich fachlich nicht so große Probleme habe, wie man eine Therapie anleitet. Stattdessen habe ich eher Lücken mit Dingen, mit denen ich nie gerechnet hätte:
- Laut und deutlich genug reden 
- Klar genug an die Flipchart schreiben 

- Die Konzentration auf das Gesagte der anderen wirklich konsequent 60 Minuten halten 
Ich gehe aber davon aus, dass sich das schnell bessert. 

Wenn therapiefreie Zeit ist, machen wir momentan viel Dokumentation. Termine eintragen, Handschriften der Therapeuten umtragen, Token-Systeme für Patienten erfassen, was kopieren, Telefonsprechstunden durchführen usw. Findet aktuell nicht statt: HRV-Messung und Bio-Feedback. Auch die Tagesklinik hat zu. Demnach dürfen momentan keine Patienten zum Autismus- oder Intelligenztest kommen. 


Übrigens: Das Essen ist bombe :) Darf man nur leider nicht mit anderen zusammen einnehmen. 

 

Corona?
Hin- und wieder gibt es Leute, die meinen, infiziert zu sein. Klar: Bei jedem Niesen erschrickt man hier. Sowohl bei den Patienten als auch unter den Therapeuten gab es da schon Verdächtigungen. Bisher waren es immer False Alarms (Patienten). Allerdings gab es unter den Therapeuten einen positiven Fall. Zunächst war die Panik groß, weil jeder mit diesem mal irgendwo kurz im Kopierraum zusammengestanden hat. Aber dann stellte sich heraus, dass der nun mehrmals getestet wurde und mittlerweile sogar Antikörper hat. Also kein Risiko darstellt. In so einer Klinik geht alles schnell durch den Buschfunk, aber eben auch nur zur Hälfte. 
Leider gibt's noch keine Masken für uns. Sie kommen nächste Woche (naja, sollen). Viruzide sind zum Glück mehr als ausreichend da (wobei von meinen Händen in 8 Wochen sicher nur noch das Skelett übrig ist). 

 

Noch Energie??
Ich hätte erwartet, dass ich nach so einem Tag totmüde ins Bett falle. Erstaunlicherweise ist das nicht so. Ich habe abends noch Luft, viele Runden mit den Kindern zu spielen, was für die Masterarbeit zu machen, Briefe zu schreiben und unser Online-Buchprojekt mit Kindergeschichten für die Kids unseres Kindergartens zu betreiben. Abgesehen von etwas Hausarbeit. So viel Power hatte ich früher nicht mal im Ansatz.
Dieser Umstand verwirrt mich (nicht, dass ich es schlecht fände).
Man wird sehen, wie es in den nächsten Wochen so ist. :) 


Bleibt gesund & zuversichtlich 
 
 


Feature Foto: cottenbro | pexels.com



5 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Das hört sich wirklich super an. Dann wird die allgemeine Krise für dich jetzt sogar zum Glücksfall, denn woanders/wannanders würdest du wohl so viel lernen und so viel Eigenverantwortung im Praktikum übertragen bekommen? Eine gute Zeit noch! 

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Krass. Klingt irgendwie verrückt, aber so sind die Zeiten nun mal gerade... ich denke auch, zu einem anderen Zeitpunkt hättest du wahrscheinlich mehr Zeit mit Kopieren und Kaffekochen verbracht und niemals so viel gelernt. Viel Erfolg weiterhin 😀

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Zitat

- Laut und deutlich genug reden 
- Klar genug an die Flipchart schreiben 

- Die Konzentration auf das Gesagte der anderen wirklich konsequent 60 Minuten halten 
Ich gehe aber davon aus, dass sich das schnell bessert. 

 

Deswegen ist Praxis so wichtig - die echten Hürden sind oft die Softskills 🙂 - das wird definitiv besser. Ich finde es auch immer interessant (traurig?), wie schwer es Leuten fällt (auch mir manchmal) "richtig" zu zuhören. Können echt nur wenige, wenn es nicht den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit darstellt. Weiterhin viel Erfolg!

Bearbeitet von Muddlehead

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Beachtlich, dass du abends noch so fit bist. Vielleicht gepusht durch Hormone? Ich stelle es mir sehr befriedigend vor, so aktiv mitarbeiten zu können, auch wenn es anstregend ist. Im Grunde machst du doch jetzt weitgehend das, wofür du dich durch den inhaltlich und organisatorisch harten Weg des Studiums bis hierher durchgekämpft hast, oder?

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