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Psychiatrie, Woche 5: Die Luft wird dicker


Vica

799 Aufrufe

In dieser 5. Woche hatte ich einen ziemlich interessanten Aufenthalt in der Narzissmus-Station. Narzissmus finde ich als Störung sehr respekteinflössend und "interessant" (wenn man das so nennen kann), hatte auch mal eine Projektarbeit über einen Narzissten. Hier ist natürlich viel Betreuer-Kontakt und Supervision wichtig, was diese Woche auch reibungslos klappte. Ich war ganz nah dran an den Patienten und begleite die Einzelgespräche, gehe mit in die Medikamenten-Sprechstunde und mache ansonsten abgestimmte Angebote wie Spaziergänge auf dem Hof. 
Außerdem darf ich mangels Personal gerade eine Physio-Gruppe "leiten" :D ....die aber nur darin besteht, dass ich aufpasse, dass keiner vom Ergometer fällt :7_sweat_smile: 

Es lief super und mir gefällt dieser Einsatzbereich sehr, doch dann kam an 2 zwischenmenschlichen Stellen Sand in's Getriebe :( 


1.)
Mein persönlicher Betreuer beim Hospitieren wechselt. Der alte war total super, man lernte eine Menge. Ich brauchte ein eigenes Notizbuch zum Mitschreiben. Er hatte ein großes Herz für Praktikanten, die etwas lernen wollten - er sah sich mit diesen zu 100% auf Augenhöhe. Er wurde allerdings krank und kommt nicht wieder - zunächst war geplant, dass er noch studenweise kommt. Dies ist aber nun irgendwie doch nicht der Fall. Der neue Betreuer hingegen wurde mehr oder weniger "unfreiwillig" auf meiner Station eingesetzt. Er macht keinen Hehl daraus, dass er nicht so motiviert ist und das "nicht so sein Störungsbild" sei, weil man "bei diesen Menschen nicht so gut durchkomme". Er hat das schon gleich ehrlich zugegeben. Mein Eindruck ist auch, dass ich ihn beim Hospitieren eher nerve :(.  
Ich gebe an einigen Stellen etwas mehr Gas als der Betreuer und das gibt ihm noch mehr das Gefühl, dass das nicht sein Ding ist.  

Z.B.
- bin ich früher am Termin als er (er kommt gute 10 Minuten zu spät) und sitze mit dem Patienten ratlos herum. Bevor er kommt können wir nicht anfangen. Einmal kam er gar nicht, weswegen ich den Betreuer im ganzen Haus mit der Hilfe anderer Therapeuten suchen musste. Auf Telefonate reagierte er nicht. Selbst der Patient rief bei ihm an, was ich ja oberpeinlich finde.  
- Selbst, als er nur 5 Minuten zu spät zum Termin kommt, war ich immer noch früher da.
- muss ich ihm hinterher laufen, dass er die Terminplanungen für nächste Woche macht. Tut er natürlich nicht. Wir Praktikanten sitzen ohne aber auf dem Trockenen. 

- haben wir Praktikanten etwas mehr Zugang zu gewissen Patienten. Das liegt daran, dass wir ja die zusätzlichen Angebote (Spaziergang, Sport usw.) mit ihnen machen. Dadurch haben wir mehr Wissen darüber, was der Patient so geleistet hat, an wen er Briefe geschrieben hat, was er an Tageszielen erreichte usw.  Der alte Betreuer fand das "spitze" und wollte alles darüber wissen. Der jetzige ist davon genervt. 

- findet er seine Sachen nie. Wir wissen hingegen, wo sie sind. 
- hat er genau 0% Vertrauen in seine Fähigkeiten. Verstehe ich nicht. Denn wenn er seine Arbeit macht, finde ich ihn echt klasse. Hab ich ihm auch gesagt. Selbst die Klinikleitung hat ihm das gesagt. Darum wurde er auch überhaupt eingesetzt. Aber: Es kommt einfach nicht bei ihm an!
So kann man sich selber im Wege stehen. Menschlich übrigens ein total toller Typ! 

Ich kanns auch verstehen, wenn nicht jede Station und jeder Patient was für einen ist. Aber dass man sich so derart dagegen sträubt ist auch seltsam - irgendwo ist es ja der Job. Er hat im Moment nichts weiter zu tun, als 1x 60 Minuten am Tag zu kommen + 30 Minuten Nachbearbeitung. 

Na ja, so langsam wird er ziemlich unfreundlich. Grüßt nicht mehr, lässt einen hängen, reagiert genervt auf Fragen. Mal sehen, wo das hinführt. 

2.) 

Der zweite Stolperstein ist eine Praktikantin, die ebenfalls umgänglich ist. Ein nettes Mädel mit guten Noten und interessantem Masterarbeitsthema. Es gibt nur das Problem, dass sie kommt und geht, wann sie will. Meiner Meinung nach ihr Ding (bzw. Pech), doch nun kommt es an einen Punkt, wo es uns beim Ablauf der Arbeit stört. Sie pickt sich momentan die Rosinen raus und geht dann einfach, während wir bis zu den Ohren in Arbeit stecken (hat auch kein Problem damit, uns einen schönen Feierabend zu wünschen :( - der erst 4 STunden später wäre). Anfangs betraf das nur 1-2 Stunden vor Feierabend, mittlerweile geht sie um 13 Uhr. Und geht z.B. um 10.00 für 2 Stunden nach Hause und kommt zum Mittagessen wieder. Danach macht sie Feierabend.
Anfangs dachten wir anderen: Muss sie selber wissen, wenn sie erwischt wird, wird das Praktikum natürlich nicht angerechnet, das ist ihr Bier.

Aber dann fing sie an, genervt zu reagieren, wenn sie Aufträge ab z.B. 16 Uhr übernehmen soll. "Ungerne" hieß es da. Wenn sie wirklich mal von uns feste eingeplant wurde, passierten ihr natürlich irgendwelche Dinge, die sie so aufgeregt hätten, dass sie "fix und fertig" sei, und deswegen nicht weiterarbeiten könne. 
Mittlerweile ist der Unmut im Team riesig. Zum einen weil sie sich natürlich übervorteilt, zum anderen weil wir konstant 1 Person weniger haben. 

Einige wollen "es petzen", ich persönlich und ein paar andere finden, man solle lieber mal persönlich mit ihr reden. 

 
Es wird also im zwischenmenschlichen Bereich nächste Woche spannend :D 

1.) Mein Betreuer wird vermutlich versuchen, mich irgendwie abzusägen 

2.) Es muss TAcheles geredet werden mit der Praktikantin 


Solche konfrontativen Situationen würde ich ja gerne umschiffen :( Sie klingen in der Theorie einfach, sind in der Praxis aber schwieriger und unterliegen einigen Störvariablen mehr. Der Großteil der Praktikanten (inklusive mir) hat festgestellt, dass er ein zu großes HArmoniebedürfnis hat. Ja, über sowas reden Psychologiepraktikanten in der Pause :D 

Euch eine gute Woche und bleibt gesund :) 


Feature Foto: schwelmerchen | pixabay.de 

 
 

 

 

8 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Ich freue mich schon immer jede Woche auf Deinen Bericht. :)  Es ist toll, auf diese Weise ein bisschen was aus der Praxis zu hören, von der ich ja noch meilenweit entfernt bin (und es ist ja auch ein anderer Bereich als bei mir.) Spannend!
Ich persönlich finde ja immer, man sollte es erst mit einem Gespräch mit der jeweiligen Person versuchen. Erscheint zwar manchmal aussichtslos, aber probieren kann man es, und vielleicht fruchtet es ja doch.
Wenn das nichts bringt, würde ich mich aber auch an die Vorgesetzten wenden - das ist meiner Meinung nach auch kein echtes "Petzen". Der Ablauf in so einer Klinik muss einfach stimmen, das ist auch für das Wohl der Patienten wichtig, und wenn es an solchen Dingen hapert wie Du sie oben beschreibst, dann muss man diese beheben. Die Praktikantin zum Beispiel wird ja irgendwann selbstverantwortlich mit Patienten arbeiten, spätestens nach dem Studium - wenn sie aus dem Praktikum nichts mitnimmt wäre es auch diesen gegenüber nicht fair. Just my 2 cents. ;)
Weiterhin viel Spaß Dir, und jetzt erstmal ein schönes Wochenende!

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TomSon

Geschrieben (bearbeitet)

Zitat

Solche konfrontativen Situationen würde ich ja gerne umschiffen

Ich kann dich da gut verstehen. Ich bin auch nicht so der Typ, der gerne konfrontiert - vor allem nicht die Kollegen. Da habe ich schon meinen Teil an schlechten Erfahrungen gemacht, die ich ungern wiederholen möchte. :( Wobei ich diese Woche mit einer Teilnehmerin schon die Erfahrung gemacht habe, dass man bei Konfrontation wirklich ein empfindsames Händchen braucht. 😏

 

Andererseits ist es ja doch so, dass sich nichts ändern wird, wenn man nicht wenigstens mal ein Gespräch geführt hat. Der andere ist sich vielleicht gar nicht im Klaren darüber, was sein Verhalten verursacht. Wobei man auch mal sagen muss: Es gibt Leute, denen ist es sch....egal, was ihr Verhalten für Konsequenzen für andere bringt, solange es die gewünschten Konsequenzen für sie selbst bringt. 😒 Insofern drücke ich ganz fest die Daumen, dass diese Mitpraktikantin mitzieht - hört sich für mich nicht so aussichtsreich an, wenn ich ehrlich bin. 🤞🏻

Bearbeitet von TomSon
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Ich schließe mich @Anyanka an: Ich freue mich auch immer auf die Updates, das ist alles sehr spannend und auch noch sehr gut geschrieben! (Nach der Überschrift wollte ich sofort wissen, was los ist ;) )

 

Und auch zur Praktikantin: Ich würde wohl auch erst mal das Gespräch suchen, aber wenn das nichts bringt, würde ich mich auch an höhere Stellen wenden. Es geht ja dabei auch um eure Arbeitssituation, nicht nur um sie selbst.

 

Das hier habe ich auch gedacht:

 

vor 45 Minuten, KanzlerCoaching schrieb:

Das Praktikum scheint ja wirklich alle Bereiche des Arbeitslebens abzudecken! Insofern halte ich die augenblickliche - zugegebenermaßen unangenehme - Erfahrung für gut.

 

Das Praktikum klingt wie ein paar Jahre Arbeitserfahrung in ein paar Wochen ;) Nach zeitweiser selbstverantwortlicher Abteilungsleitung jetzt also der Umgang mit fragwürdigen Vorgesetzten und Kollegen - alles dabei...

 

Eine fachliche Frage hätte ich: Sind die Leute auf der Narzissmus-Station tatsächlich wegen dieser Störung dort hingekommen oder wegen anderer Probleme wie Depressionen, Beziehungsproblemen etc.? Meines beschränkten Wissens nach haben Narzissten doch meist nicht wirklich eine Krankheitseinsicht, oder? Oder sind dort nur die reflektierten und einsichtigen Exemplare zu finden? Den Umgang mit Narzissten stelle ich mir jedenfalls auch sehr herausfordernd vor.

Bearbeitet von ClarissaD
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  • Admin

Kann es bei der Praktikantin sein, dass sie überfordert ist mit dem Praktikum? Oder wirklich "nur" unmotiviert?

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Am 1.5.2020 um 11:53 , ClarissaD schrieb:

 

 

Eine fachliche Frage hätte ich: Sind die Leute auf der Narzissmus-Station tatsächlich wegen dieser Störung dort hingekommen oder wegen anderer Probleme wie Depressionen, Beziehungsproblemen etc.? Meines beschränkten Wissens nach haben Narzissten doch meist nicht wirklich eine Krankheitseinsicht, oder? Oder sind dort nur die reflektierten und einsichtigen Exemplare zu finden? Den Umgang mit Narzissten stelle ich mir jedenfalls auch sehr herausfordernd vor.


Die sind fast durch die Bank aus anderen Gründen gekommen, da Narzissmus ja wirklich mit vielem korreliert sein kann. 
Viele haben Erfahrungen gemacht, dass sie zwar brillante Ideen (ihrer Meinung nach) haben, aber vom Umfeld nur Ablehnung erfahren, ob am Arbeitsplatz oder in der Beziehung. Das Manipulative und Sich-Selbst-Erhöhende sehen sie bei sich nicht. Die umschreiben das so, dass sie es gewohnt sind, für andere mitzudenken usw. Die Menschen, die sie meiden, seien halt neidisch darauf, dass sie intelligenter, kreativer usw. seien, das halten die für die Realität. 
Darauf, dass das aber an deren Art liegt, kommen sie nicht; der Gedanke erscheint fremd. Es fällt ihnen schwer, die Diagnose Narzismus bzw. entsprechende Akzentuierung zu akzeptieren. Es wird aber leichter, wenn sie lernen, dass das Verhalten nicht irgendwie "böse" ist, sondern nur ein Schutzmechanismus. 

 

Sobald mehr als 1 Therapeut im Raum ist, fangen einige an, uns geschickt gegeneinander ausspielen zu wollen :biggrin: Sie machen das auf sehr subtile Weise aber durchaus mit der Intention, dass sich der jeweils andere inkompetent fühlen soll. -> Wenn sich das so zeigt, ist es natürlich optimal, um es zu besprechen. Man unterstellt Narzissten ja viel Absicht in der Hinsicht, tatsächlich passiert das aber schon auch unbewusst :) So sehr ist das Schema (leider) in Fleisch und Blut übergegangen. 

 

vor 17 Stunden, Markus Jung schrieb:

Kann es bei der Praktikantin sein, dass sie überfordert ist mit dem Praktikum? Oder wirklich "nur" unmotiviert?


Es ist bei ihr ähnlich wie beim Therapeuten, der keine Lust hat: Sie ist, wenn sie was macht, hoch kompetent. Die angenehmen Dinge macht sie gerne mit, die weniger tollen (Terminabsprachen, HRV usw. was eigentlich eher Sprechstundenhilfen machen) hingegen nicht. Ich fände es gar nicht so schlimm, wenn sie bei diesen Tätigkeiten eher im Hintergrund bleiben will. Man könnte auch z.B. immer nur den Patienten empfangen, was zu Trinken anbieten etc. Im schlimmsten Fall einfach nur Rumsitzen und evtl was für die Masterarbeit tun. 

Aber einfach zwischendrin zu gehen und uns da selbstverständlich sitzen zu lassen, ist schon merkwürdig.

 

Du hast aber einen interessanten Punkt angesprochen. Man könnte das unliebsame Konfrontationsgespräch ja mal so starten, ob das theoretisch auch an uns liegen könnte, dass sie sich da nicht so wohl fühlt bzw. geht. Wir kommen zwar super mit ihr klar; unterm Teppich brodelt es aber. Vielleicht schwappt das irgendwie auch rüber. 

LG



 

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"Merkwürdig" ist ja eine wirklich sehr zugewandte, ja fast liebevolle Beschreibung für das Verhalten der Praktikantin. Abgesehen davon, dass es unkollegial und rücksichtslos ist, verstößt sie damit gegen den Praktikumsvertrag und die Vorgaben der Hochschule.

 

So, wie Sie die Situation beschreiben, sehen Sie das Ganze als kommunikatives Problem, das Sie bestmöglich lösen wollen. Das ist es aber nicht in erster Linie.

 

Das wirklich Ärgerliche an der Sache ist, dass sich von der Klinik, die für die regelkonforme Durchführung des Praktikums zuständig ist und die auch am Ende des Praktikums bestätigen soll, offenbar niemand darum kümmert.

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vor 4 Stunden, Vica schrieb:

Sobald mehr als 1 Therapeut im Raum ist, fangen einige an, uns geschickt gegeneinander ausspielen zu wollen :biggrin: Sie machen das auf sehr subtile Weise aber durchaus mit der Intention, dass sich der jeweils andere inkompetent fühlen soll. -> Wenn sich das so zeigt, ist es natürlich optimal, um es zu besprechen. Man unterstellt Narzissten ja viel Absicht in der Hinsicht, tatsächlich passiert das aber schon auch unbewusst :) So sehr ist das Schema (leider) in Fleisch und Blut übergegangen. 

 

Sehr spannend! So ähnlich hatte ich mir das vorgestellt. Klingt aber auch anstrengend, subtile Herabsetzungen nicht persönlich zu nehmen, sondern den Leuten weiter neutral-positiv zu begegnen. Aber das ist vermutlich ja gerade das, was den Therapeutenberuf ausmacht und was man dann (hoffentlich) in der Ausbildung lernt.

 

vor 4 Stunden, Vica schrieb:

Du hast aber einen interessanten Punkt angesprochen. Man könnte das unliebsame Konfrontationsgespräch ja mal so starten, ob das theoretisch auch an uns liegen könnte, dass sie sich da nicht so wohl fühlt bzw. geht. Wir kommen zwar super mit ihr klar; unterm Teppich brodelt es aber. Vielleicht schwappt das irgendwie auch rüber. 

 

Das klingt für mich sehr weise und psycholog-ig ;) Jedenfalls für eine erste Herangehensweise. Grundsätzlich hat @KanzlerCoaching ja recht, dass eigentlich die Klinik dafür zuständig wäre, aber es ist ja auch niemandem gedient, wenn ihr euch jetzt die ganze Zeit darüber ärgert, solange ihr daran nichts ändern könnt. Dann lieber positiv attribuieren ;) 

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