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Mein Fazit


parksj86

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Ich hatte als Abschluss dieses Blogs noch (mindestens) zwei Posts versprochen. Hier kommt der erste Beitrag, das Fazit.

 

Dazu noch mal ein kurzer Rückblick: Als ich mich zum Sommersemester 2013 (vor sieben Jahren, unglaublich) eingeschrieben hatte, steckte ich gerade mitten in meinem ersten Job nach einem Bachelorabschluss. Ich hatte in einer Agentur für Public Relations und Public Affairs angefangen und war mir ziemlich sicher, dass das auch der Bereich ist, der für die nächsten Jahre mein Berufsleben prägen sollte. Ich hatte zuvor ein paar erfolglose Bewerbungen verschickt (für deren Qualität ich mich heute schämen würde) und war mir außerdem sicher, dass ich ohne einen Masterabschluss im Berufsfeld Public Relations/Public Affairs nicht weit kommen würde. Und so kam es, dass ich mich nach kurzer Recherche für die FernUni Hagen und den Master Governance entschied. 

 

Heute arbeite ich als Online-Journalist für ein regionales Verlagshaus und habe die Fähigkeiten, die in meinem Job verlangt werden, in meinem Bachelorstudium und vor allem on the Job gelernt - was natürlich nicht heißt, das Fernstudium hätte mir bis jetzt noch nichts gebracht. Ich habe in dieser Zeit viel Allgemein- und politisches Hintergrundwissen angesammelt, aber auch viel über mich selbst und meine Grenzen gelernt. Nur war das bislang nichts, was ich hinter einem Spiegelstrich in meinen Lebenslauf schreiben konnte. Was ich damit sagen will: Ich habe irgendwann aufgehört, den Wert meines Fernstudiums nur am Ziel, meinen "Wert" für Arbeitgeber im Bereich Public Affairs zu steigern, zu messen. Wäre es wirklich nur darum gegangen, hätte ich dieses Ziel irgendwann verfehlt. Ich habe in der ganzen Zeit mehr als einmal die Entscheidung treffen müssen, entweder das Studium zurückzustellen oder mich beruflich einzuschränken - und habe mich dabei immer für meine berufliche Tätigkeit entschieden, was ich bis heute nicht bereut habe. Das hat aber dazu geführt, dass nun auf dem Papier (das ich noch nicht vollständig vorliegen habe) steht, dass ich sieben Jahre für meinen Master gebraucht und dabei die ein oder andere mittelmäßige Note kassiert habe (ich war durch meinen Bachelor ziemlich "verwöhnt", was Noten angeht). Ich kann damit sehr gut leben, doch es ist ein Punkt, den man erwähnen muss, wenn man ein Fazit zieht.

 

So, nun zum eigentlich interessanten Teil, dem Studium: 

 

Die Rahmenbedingungen: Ich glaube, dazu muss ich nicht viel schreiben, es ist hier zigfach im Forum erwähnt worden. Wer an der FerUni studieren will, muss sich und sein Leben dem Semester-Rhythmus anpassen. Winter- und Sommersemester wechseln sich ab, dazwischen gibt es fixe Prüfungstermine, die nicht veränderbar sind. Bis auf wenige Ausnahmen war der Prüfungsort für mündliche Prüfungen Hagen (einmal hatte ich auch Berlin zur Auswahl), Klausuren konnte ich dank eines Regionalzentrums in meiner Nähe vor Ort schreiben. Ansonsten musste ich für mich immer am Anfang eines Semester abschätzen, was ich abarbeite und ob ich in dem Modul eine Prüfung ablegen will. Da es auch für Hausarbeiten ziemlich starre Fristen gab, brauchte man nach meiner Erfahrung eine gute Planung, etwas Disziplin und vor allem die Fähigkeit, auch nach einem 8-10-Stunden-Tag noch konzentriert und strukturiert zu arbeiten. Das hat bei mir nicht immer gut geklappt, weshalb ich mehrere Pausen während des Studiums eingelegt habe. Die Alternative wäre gewesen, meine Ansprüche noch weiter runterzuschrauben, um eine Note zu kassieren, mit der Mann dass Modul noch besteht (was meiner Einschätzung nach aber auch nicht immer geklappt hätte). 

 

Die Inhalte: Dazu muss ich sagen, dass ich mich nie überfordert gefühlt habe, obwohl ich keinen politikwissenschaftlichen Bachelor absolviert habe. Das sozialwissenschaftliche Arbeiten hatte ich aber trotzdem während meines Erststudiums kennengelernt, sodass ich hier nicht von null angefangen habe. Ansonsten bedeutet an der FernUni studieren, lesen, lesen und nochmals lesen. In gerade einmal einem Modul hatten wir eine Vorlesungsreihe als Video zur Verfügung gestellt bekommen. Ansonsten habe ich die Skripte und Reader der Lehrstühle durchgeackert. Ich bin ein Mensch, dem sowas entgegenkommt, ich bestehe nicht unbedingt darauf, dass man mir alles per Video oder Podcast vermitteln muss. Ich kann aber auch Menschen verstehen, die bei rund 1000 Seiten Demokratietheorie (plus einigen Hundert Seiten Zusatzliteratur) mit abschließender Klausur jetzt nicht unbedingt hellauf begeistert sind. Zumal man im politikwissenschaftlichen Umfeld ohne das Beherrschen der englischen Sprache nicht sonderlich weit kommt. Nur so viel: Mittlerweile kann ich englische Texte flüssig lesen und brauche dazu nicht mal mehr den Google-Übersetzer. Das war zu Beginn des Fernstudiums noch anders. 

 

Wie aktuell die Skripte und Lehrinhalte sind, vermag ich aus zwei Gründen nicht genau zu sagen: Zum einen hat sich seit meiner Immatrikulation viel getan. Das Studium wurde von Governance in Politikwissenschaft umbenannt, auch einige Module sind mit der Zeit geändert worden (das erste Modul des Studiengangs zum Beispiel), sodass ich den aktuellen Master Politikwissenschaft nicht mehr fair bewerten kann. Zum anderen habe ich aus dem Vergleich mit anderen Masterstudiengängen Politikwissenschaft festgestellt, dass es Inhalte bzw. Grundlagen gibt, die schon seit vielen Jahren so gelehrt werden. Im Bereich der politischen Ideengeschichte hangelt man sich zum Beispiel an Aristoteles entlang über Rosseau, Montesqieu und den Federal Papers hin zu modernen Ansätzen und Theorien wie die von Robert A. Dahl und George Tsebelis. Ich denke nicht, dass man hier das Rad neu erfinden kann. Diese Einschätzung gilt natürlich nur für mein Fernstudium und ist nicht auf alle Studiengänge an der FernUni verallgemeinerbar. 

 

Was vielleicht noch zu sagen ist: Aus meiner Sicht bietet der Studiengang Governance (der jetzt Politikwissenschaft heißt) gutes Uni-Niveau. Der Abstraktionsgrad ist relativ hoch (es wird in den Skripten, Foren und Seminaren also nicht irgendein tagespolitisches Thema durchgekaut) und es geht immer wieder darum, dass man sich zum einen eine fundierte Meinung bildet, die man in einer Hausarbeit oder einer mündlichen Prüfung anhand von Argumentationsketten nachvollziehbar machen muss. Einfach nur die Theorie auswendig zu lernen und aufsagen zu können, reichte nicht aus. Natürlich will ich jetzt nicht sagen, dass ich meinen FH-Bachelor gänzlich ohne Theoriewissen und die Fähigkeit der Abstraktion erlangt habe. Aber die Perspektive war immer die eines Praktikers, der quasi einen Schritt zurücktritt, um ein Problem von mehreren Seiten zu betrachten und eine Art Schablone (zum Beispiel einen theoretischen Ansatz) für die Lösung zu finden. Wissenschaftliches Arbeiten war in diesem Kontext zwar wichtig, aber wurde immer dem Zweck untergeordnet. Das habe ich im Master etwas anders wahrgenommen. Hier ging es nach meiner Wahrnehmung immer darum, sich einem Phänomen bzw. Problem mithilfe sozialwissenschaftlicher Methoden so gut es geht anzunähern. Dieser Prozess der wissenschaftlichen Annäherung bzw. Auseinandersetzung ist der Kern dessen, was wissenschaftliches Arbeiten ausmacht und was am Ende beherrscht werden muss, will man den Weg in Richtung Promotion weitergehen. Aber ich habe gerade das Gefühl, ich rede mich hier um Kopf und Kragen. Viel klügere Menschen als ich haben bereits umfassende Abhandlungen zum Vergleich zwischen FH und Uni geschrieben. Darauf verweise ich an dieser Stelle mal. 

 

Das Umfeld: Wie bereits erwähnt, hatte ich das Glück, ein Regionalzentrum in meiner Nähe zu haben. Das war damals mein erster Anlaufpunkt. Dort habe ich mich beraten lassen, die Einführungsveranstaltung für alle neuen Studierenden mitgemacht und auch mein erstes modulbegleitendes Seminar besucht. Ich habe dann noch ein Seminar in einem anderen Regionalzentrum besucht. Dass man in den Regionalzentren verschiedene modulbegleitende Seminare oder auch Angebote der Studienberatung besuchen ist, ist wirklich toll. Ich kann nur jedem raten, die Angebote wahrzunehmen. Manchmal hilft einem auch nur der Austausch mit anderen Fernstudierenden weiter.

 

Wobei das für mich ein großes Problem war: Anfangs habe ich noch versucht, Kontakte zu anderen Governance-Studierenden aufzubauen. Aber so richtig geklappt hat das nicht. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen und vor allem Psychologen ist das, denke ich, deutlich einfacher - allein deshalb, weil es einfach mehr Studierende gibt. Insoweit war das Fernstudium in meinem Fall durchaus eine einsame Sache. Wer ein Fach wählt, das jetzt nicht ganz oben auf der Beliebtheitsskala steht oder aus einer Region kommt, in der es nicht so viele FernUni-Studierende gibt, sollte den Faktor Einsamkeit im Hinterkopf haben (wobei sich das natürlich erst im Laufe des Studiums so richtig herauskristallisiert).

 

Ansonsten ist natürlich zu sagen, dass der Austausch mit den Kommilitonen auch viel Eigeninitiative voraussetzt. Während meines Präsenzstudiums bin ich oft in irgendwelche Lern- oder Referatsgruppen "reingerutscht" weil ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war oder einfach nur spontan gefragt habe, ob ich mitmachen kann. So einfach war das im Master an der FernUni natürlich nicht. 

 

Fazit: Die Frage, ob ich mich heute noch mal für Governance entscheiden würde, wenn ich vor der Wahl stehen würde, kann ich nicht eindeutig beantworten. Wahrscheinlich eher nicht. Das liegt aber nicht an der FernUni oder am Studiengang, sondern mehr daran, dass ich mich rückblickend einfach zu spontan entschieden habe. Ich hatte noch andere Optionen vor Augen, die ich aber nie ernsthaft durchgespielt hatte. Im Endeffekt ist es jetzt egal, ich habe das Studium gemeistert und bin glücklich.

 

Würde ich die FernUni weiterempfehlen? Ja, aber mit den Einschränkungen, die ich weiter oben formuliert habe. Wer ernsthaft ein Studium an der FU Hagen durchziehen will, sollte sich vorher klar machen, was das bedeutet - für den Beruf und das Familienleben. Was nicht bedeutet, dass man diese beiden Punkte komplett herunterfahren muss, wenn man sein Studium meistern will. Man muss aber zum Beispiel bereit sein, sich nach einem langen Tag (im Büro oder mit der Familie im Freizeitpark) hinzusetzen und ein paar Stunden konzentriert zu arbeiten. Man hat schließlich Fristen und Prüfungstermine im Nacken. 

 

So, mehr fällt mir zu diesem Thema erst mal nicht ein. Wer Fragen hat, auch zum Studiengang, kann natürlich jederzeit einen Kommentar hinterlassen oder mir hier im Forum eine Nachricht schreiben. 

Bearbeitet von parksj86

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1 Kommentar


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Vielen Dank für dein differenziertes Fazit - es macht auch gut deutlich, wo der Unterschied zwischen Uni-Studium und (Fach-)Hochschulstudium liegt.

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