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Die Sache mit der Evidenz


DerLenny

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In einem der Kurse haben wir ein Beispiel für die klassische Konditionierung, welches einige Fragen aufwirft.

 

Hier wird die Duschszene aus Psycho als Beispiel für klassische Konditionierung, in dem Fall Furchtkonditionierung angegeben.

 

Warum ist dieses Beispiel problematisch?

Es gibt keine Evidenz für einen Effekt. Es gibt Meldungen, dass "einige" oder nach anderen Berichten auch "viele" Zuschauer nach Betrachtung des Films in der Dusche unwohl war.

Dies ist keine gute Evidenz, um die Nullhypothese zu verwerfen, vor allem wenn man die viele Aspekte bedenkt, die bei einer Angststörung eine Rolle spielen, und die ausgeschlossen werden müssten, um den Effekt einer Konditionierung (wenn es eine ist, dazu gleich mehr) zuschreiben zu können.

Bedenkt man die große Anzahl an Zuschauern, müsste es eine massive Meldung von einer Zunahme an Angststörungen nach Betrachtung des Films geben. Dies ist nicht der Fall.

 

Auch andere (Horror-) Filme sorgen nicht für eine Zunahme an Angststörungen.

Es gibt kein vergleichbares Experiment, welches diese oder eine ähnliche Wirkung erzielt.

Der vermutete Effekt kann also nicht repliziert werden und die Belege für einen Effekt bei Psycho sind auch nicht vorhanden.

 

Auch wird die Situation dadurch verkompliziert, dass hier eine Vielzahl unterschiedlicher Stimuli generalisiert werden müssen, um die Angst vor Duschen zu erzeugen. Dies ist eher ungewöhnlich.

Auch soll der Effekt nach einer einmaligen Verknüpfung der neutralen Reizes mit dem unkonditionierten Reiz eingetreten sein. Auch dies ist eher ungewöhnlich.

Hier wird gerne das Beispiel genommen, dass ein Kind von einem Hund angefallen wird, und dadurch eine Angst vor Hunden entwickelt. Allerdings ist auch dies kein Beispiel für klassische Konditionierung, da hier der konditionierte und neutrale Reiz identisch sind, bzw. es keinen neutralen Reiz gibt und daher dieses Model nicht greift.

 

Auch gibt es Modelle (z.B. Observational Learning) die den Effekt nach der Betrachtung von Psycho besser erklären können.

 

Warum gibt es dieses Beispiel dennoch in den Shortcasts, obwohl das Beispiel dem Skript widerspricht, und es keine Evidenz dafür gibt, dass es überhaupt einen Effekt gibt?

 

Laut dem Flurfunk gibt es wohl eine Klausurfrage zu diesem Thema mit genau diesem Beispiel.

Sollte dies korrekt sein, wäre dies doppelt irritierend. Zum einen ist dies nicht aus dem Skript ableitbar, im Gegenteil, das Beispiel widerspricht dem Skript. Zum anderen würde dies bedeuten, dass eine nicht belegbare Sachlage in einer Klausur als Fakt dargestellt wird, und die erwartete Antwort sich nicht mit dem wissenschaftlichen Konsens deckt.

 

Für mich persönlich ist das etwas erschütternd, da ich das Skript eigentlich gut fand, und durch diesen Faktoid jetzt wohl gezwungen bin, das Skript nochmal genauer anzusehen. Dabei hatte ich gehofft, dass dies einer der Kurse wäre, wo dies nicht notwendig ist.

 

Meh.

Bearbeitet von DerLenny

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12 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Mh da hätte man aber auch einfachere Beispiele finden können, womit man sich nicht so sehr in die Nesseln setzt.

Beispielsweise gibt es ein Experiment, in dem Männern Fotos von nackten Frauen gezeigt wurden und zwischendurch auch ein paar Fotos von Lack High Heels. Danach hatten alle einen "Fetisch" entwickelt 😁 aus ethischen Gründen hat man das im Anschluss aber wieder abtrainiert.

Aber auch Little-Albert und ähnliches sind doch bekannte Beispiele. Wahrscheinlich wollte man hip sein mit dem Psycho Beispiel 😉

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DerLenny

Geschrieben (bearbeitet)

Jo, das wären gute Beispiele.

 

Bei den Experimenten zu Fetischen wäre auch noch interessant gewesen, dass diese relativ leicht erzeugbar sind.

 

Little Albert würde auch gut passen, allerdings wird dieses Beispiel so oft gewählt. Etwas Abwechslung, insbes mit einem etwas aus der Reihe schlagenden Experiment ist ja schon ne gute Sache.

Bearbeitet von DerLenny
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  • Community Manager
Markus Jung

Geschrieben

Zitat

Hier wird gerne das Beispiel genommen, dass ein Kind von einem Hund angefallen wird

 

Je nachdem, wie heftig das Ganze verläuft und wie es auf das Kind wirkt, kann das dann auch schon eher in Richtung einer Traumatisierung gehen mit allen Folgen für Gehirn und Körper, die das mit sich bringt.

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DerLenny

Geschrieben (bearbeitet)

vor 40 Minuten schrieb Markus Jung:

 

Je nachdem, wie heftig das Ganze verläuft und wie es auf das Kind wirkt, kann das dann auch schon eher in Richtung einer Traumatisierung gehen mit allen Folgen für Gehirn und Körper, die das mit sich bringt.

Richtig. In dem Kontext geht es allerdings nur darum, dass dies keine klassische Konditionierung ist.

Ich habe es nur erwähnt, weil es wirklich gern als Beispiel für ein einmaliges Erlebnis mit Effekt genutzt wird, wobei dabei eben oft übersehen wird, dass es keine klassische Konditionierung ist.

 

Bei den Angststörungen spielen auch noch viele andere Faktoren mit rein, die alle ausgeschlossen werden müssten (quasi unmöglich), damit der Effekt rein der Konditionierung zugeschrieben werden kann.

Ebenso kannst du untersuchen welchen Faktoren das Auftreten einer Angststörung verhindern.

 

Die "klassische" Psychologie beschäftigt sich damit, was die Angststörung verursacht, und welche Effekte sie hat.

Die positive Psychologie betrachtet, welche Faktoren in einem solchen Fall dafür sorgen, dass eine Person "gut" aus einem solchen Erlebnis herauskommt. Entweder weil kein Effekt eintritt, der Effekt vermindert wird oder die Rückkehr zur Normalität schnell verläuft. Im letzten Teil gibt es dann wieder Überschneidungen zur "klassischen" Psy. 

Bearbeitet von DerLenny
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KanzlerCoaching

Geschrieben

Ich habe vergessen, was Sie studieren, Lenny. Psychologie war es nicht, oder?

 

Denn die Beispiele, die Sie nennen, finde ich doch bemerkenswert, wenn sie nicht in einem fachlich dazu passenden Studium bearbeitet werden.

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Ich studiere Kommunikationspsychologie und Medieninformatik.

 

vor 15 Minuten schrieb KanzlerCoaching:

Ich habe vergessen, was Sie studieren, Lenny.

 

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KanzlerCoaching

Geschrieben

Richtig, die Kommunikationspsychologie war mir entfallen.

 

Jahrelang hat man ja bemängelt, dass für Tests, die im beruflichen Umfeld gemacht wurden, Tests aus dem klinischen Bereich verwendet wurden. Mit Recht, denn solche Tests lieferten keine relevanten Ergebnisse, wenn es um Verhaltensweisen wie Extrovertiertheit oder Introvertiertheit, Teamfähigkeit oder ähnlichen Themen ging. Außerdem sind solche Tests in der Hand von Laien, die die Ergebnisse dann interpretieren höchst problematisch.

 

Die Beispiele zu Angststörungen fallen ja auch ins klinische Spektrum. Interessant sind sie sicher, aber passen sie wirklich in einen Studiengang Kommunikationspsychologie? Wo ist da der Erkenntnisgewinn?

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DerLenny

Geschrieben (bearbeitet)

vor 25 Minuten schrieb KanzlerCoaching:

Interessant sind sie sicher, aber passen sie wirklich in einen Studiengang Kommunikationspsychologie? Wo ist da der Erkenntnisgewinn?

 

Ich würde vorschlagen, dass sie ihre Bedenken zu den Studieninhalten an den Verantwortlichen für den Studiengang richten. Wenn sie wünschen, frage ich Christoph, ob es OK ist, dass ich seine Email Adresse an Sie weitergebe. Dann können Sie Ihre Bedenken an dieser Stelle loswerden.

Bearbeitet von DerLenny
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KanzlerCoaching

Geschrieben

Das haben Sie falsch verstanden. Ich habe weniger Bedenken, ich frage mich eher, wo der Erkenntnisgewinn für Ihr Fach ist.

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DerLenny

Geschrieben (bearbeitet)

Kommunikation verläuft über Medien.

Emotionen sind ein großer Bestandteil der zu erzielenden Wirkung.

 

Witzigerweise geht es in dem Beispiel oben ja genau um einen Film.

 

Der Zusammenhang sollte erkennbar sein.

 

Film als eine Form der Kommunikation. Angst als eine der Emotionen.

 

Ohne die notwendigen Informationen aus angrenzen Bereichen wäre es nicht möglich Studien zur (emotionalen) Wirkung von Medien einzuordnen, oder eigene Studien zu entwerfen. 

Fällt also in de Bereich notwendiges Grundlagenwissen.

 

Auch hier sollte das Beispiel oben deutlich machen, warum dies sinnvoll ist.

Daher war ich anfangs etwas verwundert, dass Sie unter einem Beispiel, welches klar macht warum dies sinnvolles Grundlagenwissen ist, nach der Sinnhaftigkeit fragen.

Das hat sich mir erst nicht erschlossen, da ich dies als selbsterklärend angesehen habe. Mea Culpa.

EDIT: ich sollte echt nicht im Lidl an der Kasse aufm Handy Antworten ins Blog schicken.
So macht es doch mehr Sinn.

Bearbeitet von DerLenny
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