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Psychotherapie mit Babys


Vica

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Auf dieses KJP-Seminar habe ich mich am meisten gefreut und war daher froh, dass es so relativ weit am Anfang stattfand (Pandemiebedingt noch immer per Zoom, sehr zum Dozentenleid)¬†ūüėĀ¬†Denn erstens finde ich dieses Alter spitze, zweitens sind S√§uglinge eine schrecklich vernachl√§ssigte Gruppe in der Psychologie, wenn es nicht gerade um Bindung geht.¬† Kaum einer scheint sich wirklich f√ľr sie zu interessieren, daher gelten sie als Special Interest.¬†
Ich könnte mir aber wahnsinnig gut vorstellen, irgendwann mal eine Babysprechstunde anzubieten. 

Aber was kann ich mir unter dem Konzept Psychotherapie mit S√§ugling nun vorstellen? Mir fiel erstmal nichts ein, was nicht eine Hebamme, S√§uglingskrankenschwester, Kinder√§rztin oder Erzieherin nicht auch kann. Und die haben den Dreh da schon sehr schnell raus und Kinder fassen sehr schnell Vertrauen zu ihnen. Das sind auch die Berufsgruppen, die mir als Laie zuerst einfallen w√ľrden, wenn ich mir bez√ľglich eines Babys Hilfe suchen w√ľrde. Ob Laien da wirklich auch Psychotherapie auf dem Radar haben? Eher nicht. Insofern: Fraglich, wie gut sowas frequentiert ist.¬†¬†


Welche Anspr√ľche hatte ich an so ein Seminar und wo ging meine Fantasie da so hin?
Ich merkte schnell, dass ich die Hoffnung hatte, dass es vielleicht etwas gibt, was den Selbstwert eines Säuglings wieder aufbauen kann, welcher einen nicht so guten Start ins Leben hatte...oder auch aktiv misshandelt/traumatisiert wurde.
Auf meiner Station gibt es h√§ufiger mal M√ľtter, da hat vorher entweder eine Inobhutnahme stattgefunden. Oder sie sind schwanger und Substanzabh√§ngig. Was kann man f√ľr solche Kinder aktiv tun?¬†
Das waren so Vorstellungen/W√ľnsche, die ich im Vorfeld hatte - h√§ufig vermischen sie sich etwas mit den Angeboten aus der Sozialen Arbeit.¬†

So war das Seminar dann wirklich:
Zun√§chst hatten wir jemanden (KJP!), der nur aus der Praxis erz√§hlte und weniger mit Studien + Fachliteratur um die Ecke kam. Das war ein sehr gro√üer Gewinn. Nichts gegen Studien, aber bei einigen Themen ist es wichtig, sehr nah am Menschen zu bleiben. Es gab viele Videos¬† zu sehen, die verschiedene Beratungssituationen, aber auch Elternverhalten zeigten: Wie Eltern ihr Kind f√ľttern, wie sie interagieren mit ihren Babys, wie sie ihre Kinder zu Bett bringen und das Verhalten des Kindes im Anschluss, ab wann gewisse Situationen kippen, oder welche Strategien ein S√§ugling tats√§chlich schon anwenden kann. Darauf wurde dann auch hirnorganisch eingegangen. Hier war ich zum Teil wirklich √ľberrascht; zus√§tzlich war das ganze recht unterhaltsam¬†ūüėÖ
Selbstregulationsmöglichkeiten von Babys waren ein großes Thema. 
Und auch, dass es nicht darum geht, die optimale und ultimative Beruhigung des Kindes zu finden, weil man ansonsten zu sehr darauf ausgerichtet ist, seinen Alltag durchzustrukturieren. Bei einigen Eltern geht das wohl so weit, dass nur noch um 12:00 gegessen wird, auf keinen Fall um 12:03. Dass das Kind abends vorm Schlafengehen genau 3x gestreichelt wird, aber nicht 5x. Und sich Versagensgef√ľhle bei den Eltern einstellen, wenn die "Strategie" dann doch nicht hinhaut.¬†
Auch auf Kinder, deren Eltern selbst psychopathologisch auffällig sind, wurde dann eingegangen, was ich sehr erhellend fand. 

Die Psychotherapie mit dem Baby¬†war dann nat√ľrlich immer im Kontext mit den Eltern zusammen. Es ging also nicht darum, nur das Baby als Patienten zu sehen, zu validieren, zu beruhigen etc.
Sondern: Wie gehen die Eltern auf das Kind ein und umgekehrt. Dann werden Hypothesen abgeleitet + Verbesserungsmöglichkeiten hervorgehoben. Klar, dass in so einem Kontext unheimlich viel Videofeedback zustande kommt, heißt, die Eltern werden gefilmt und können sich selbst dann anschauen (da scheint Eigen- und Fremdwahrnehmung oft Lichtjahre auseinander zu liegen). 
Dass das alles klappt...da hatte ich so meine Zweifel!
Aber wir haben Vorher-Nachher-Videos angeschaut und ich war verbl√ľfft.¬†

Der Vorteil von diesem Bereich ist: Man sieht den Erfolg sofort, denn das Baby wird sich nicht verstellen und sich sozial erw√ľnscht verhalten, damit endlich die Therapiesitzung zu Ende ist¬†ūüėĄ¬†
Oft reicht schon 1 Sitzung mit Eltern aus, nur selten kommt es wohl bis zu 5 Sitzungen. Therapeutisch super; betriebswirtschaftlich f√ľr Klinik oder Praxis aber schnell eine Kostenfalle. Das war insgesamt die gr√∂√üte √úberraschung f√ľr mich; man stellt sich das Einrichten so einer Sprechstunde oft romantischer vor, als es in der Realit√§t ist.¬†:64_zipper_mouth:

Spannend war noch, dass unsere einzelnen Stress-Grenzen getestet wurden, indem schreiende Babys eingeblendet wurden. Gestresst davon waren √ľberwiegend die Nicht-Eltern im Kurs. Und auch solche Gef√ľhle waren willkommen!¬†

Mein Wunsch nach der Baby-Sprechstunde wurde bekr√§ftigt; aber ich glaube, dass ich da so 50/50 zehren w√ľrde vom Seminar-Input, aber auch meinen eigenen Erfahrungen als Mutter und generell mit Kindern, vor allem was den Draht zu Kindern angeht. Die Nicht-Eltern konnten sich dementsprechend auch nicht so gut vorstellen, Babys in ihr Programm sp√§ter mit aufzunehmen. Als Begr√ľndung wurden zu hohe Stresslevel vom Schreien und wenig Selbstvertrauen in Abgrenzung zu somatischen Problemen genannt.

Ansonsten war es sch√∂n zu sehen, dass mal wieder ein KJP-Seminar so besonders gut war. Das Wochenende werde ich jetzt aber dazu nutzen, in Ruhe zu Ende zu prokrastinieren, denn ich habe keine Lust, weiter auf Zwischenpr√ľfungsvorbereitung zu setzen¬†ūüėÖ

Bleibt gesund & haltet zusammen,

LG

Feature Foto: Burst/pexels.com

Bearbeitet von Vica

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1 Kommentar


Empfohlene Kommentare

  • Community Manager
Markus Jung

Geschrieben

Zitat

Oft reicht schon 1 Sitzung mit Eltern aus, nur selten kommt es wohl bis zu 5 Sitzungen.

 

Dass mit den Eltern so schnell so viel erreicht werden kann, finde ich beeindruckend und kann ich mir vorstellen, gerade wenn die Eltern motiviert sind und ihre Kinder bestm√∂glich unterst√ľtzten m√∂chten.

 

Was ist aber, wenn mehr direkt mit den Babys gearbeitet wird, zum Beispiel wenn die Eltern nicht verf√ľgbar oder nicht zug√§nglich sind? Wie l√§uft es dann ab und wie viel Zeit wird ben√∂tigt? Da ist es ja vermutlich notwendig, zun√§chst eine gute Vertrauensbasis zum Kind aufzubauen.

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