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Willkommen auf der (geschlossenen) Suchtstation


Vica

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Hände hoch: Wer hat während seines Psychologiestudiums daran gedacht, dass er eventuell auf der Sucht landen könnte? 😁So lange man noch nicht viel praktische Erfahrung fernab der Studienbriefe verbracht hat, stellt man sich das Arbeiten auf Station oft ja etwas anders vor. Überhaupt: Etwa das man beeinflussen kann, wo genau man überhaupt hinkommt. Die Realität belehrt einen dann doch oft eines Besseren. Natürlich wird man auch mal nach Bedarf verteilt - oder abgeordert. Und so landet man auch mal auf Stationen wie der Sucht oder der Geronto.

Als ich der Ärztin bei der Einstellungsuntersuchung berichte, dass ich auf der geschlossenen, akuten Sucht lande, auf welcher sich auch wahnhafte Patienten mit Eigen- und Fremdgefährdung befinden, beschließt sie, mir noch einige Impfungen mehr zu geben, als geplant. Etwa alle impffähigen Hepatitis-Formen, Dipheterie und Corona erhalten wir damals ebenfalls als eine der ersten Berufsgruppen im Land.

Zwei Wochen später trete ich stolz den ersten Dienst an. Abgeholt werde ich von der Stationspsychologin, die noch im Dienst ist. Sie wird demnächst aufhören und ist ebenfalls PiA. Ich bekomme gleich mal die notwendigsten Dinge für die Station: Ein Sicherheitstelefon, das immer am Körper getragen werden muss. Kann stummen Alarm, kann Großalarm auslösen. Für Notsituationen. Löst auch Großalarm aus, wenn man es falsch entsichert 😄. Die Sicherheitstelefone melden sich tatsächlich relativ oft am Tag, mehr als 70% davon sind falscher Alarm.
Zweites Item: Ein Generalschlüssel. Damit kommt man überall rein und überall raus, außer bei der Forensik.

Hinter der geschlossenen Stationstür sieht es zunächst mal ungefährlich aus wie im normalen Krankenhaus. Mir fällt aber auf, dass es krass stinkt. Der Gestank erinnert an eine Mischung aus Alkohol, Desinfektionsmittel, Urin, Medikamente, Schweiß und wochenlang nicht gewaschen. Fenster kann man hier aus Sicherheitsgründen nicht öffnen. Sobald die auch nur gekippt sind, wandert was von oben und von oben was nach unten.

Und wen haben wir hier so?

In Zimmer 1 wohnt ein 50jähriger, der seit 40 Jahren Alkoholiker ist (richtig gelesen). Er hat gerade seine 150.Aufnahme hier, deswegen stößt die Pflege mit Kaffee auf ihn an, man duzt sich mittlerweile. Seinem Zimmernachbarn geht's nicht anders. 30 Minuten nach seiner letzten Entlassung wurde er bereits wieder mit dem Rettungswagen gebracht.
In Zimmer 2 ist ein junger Patient um die 19. Nachdem er sich mit einem Kumpel geprügelt hatte, bot seine Oma ihm ihre Medikamente gegen Rückenschmerzen gegeben hatte - weil sie "so gut helfen". Das war leider Tilidin, und so begann seine Drogenkarriere. Mittlerweile nimmr er alles, was er einnehmen kann. Er wird mit Polamidon substituiert, um runterzukommen von dem gesamten Zeug. Schon diese Medikation alleine könnte mich killen, erzählt mir die Pflege. Sein Zimmernachbar ist 18. Er wurde von seinem Dealer(!) zur Entgiftung zu uns gebracht, weil der findet, dass es jetzt langsam mal reicht.
In Zimmer 3 ist ein älterer Herr, der ebenfalls von Tilidin entzieht. Das will er noch nicht so wahrhaben. Er sei hier wegen "interessanter philosophischer Gespräche". Die führt er mit seinem Zimmernachbarn, ca. 60, der wiederum auf Fentanylentzug ist. Der steht unter strengster medizinischer Beobachtung - er hat nämlich sein Fentanylpflaster gegessen. Zumindest sprechen 90% dafür.
In Zimmer 4 wohnen drei reiche Damen, die man hier nicht vermuten würde. Aber die Großzahl der Alkoholiker werden tatsächlich von gut situierten Ehefrauen gestellt. Die 3 sind um die 60. Es gibt viel Zoff, weil eine während des Entzugs in der Nacht leider das Bett der einen mit der Toilette verwechselt hat. Eine von ihnen macht sich Hoffnung auf den Chefarzt und die andere wird einem verdächtig blauen Auge aufgenommen.
In Zimmer 5 wohnen drei Russen, die nur russisch sprechen. Zwei dealen selbst. Einer aber ist so stabil, dass er eigentlich in die offene Station gegenüber könnte. Doch dort befindet sich gerade sein Sohn und den will er nicht sehen.
In Zimmer 6 wohnt ein junger Patient, der immer wieder eingeliefert wird wegen Alkoholrückfällen. Diesmal sei es der Hirntumor seiner Mutter, welcher zu einem Rückfall geführt habe. ,,Wie viele Mütter haben Sie denn?" fragte der Oberarzt. ,,Bei Ihrem letzten Aufenthalt vor 3 Wochen meinten Sie, Ihre Mutter sei an Corona verstorben."
Ups! Da habe er sich wohl versprochen, meint der Patient. Sie sei nur FAST an Corona verstorben.
In Zimmer 7 wohnt ein Patient, der sich über seinen schnarchenden Bettnachbar beschwert. Jedoch ist er allein im Zimmer.
Im Zimmer 8 leben derzeit zwei Obdachlose. Einer macht sich Hoffnung auf die Putzfrau. Der hat er heute unglaublicherweise Zigaretten abgekauft. Er liebt Würfelspiele mit seinem Zimmernachbar, 85 Jahre - ein Opa, den keiner mehr besucht. Der spielt begeistert mit. Doch alle 30 Minuten vergisst er, wo er ist und wer sein Mitspieler ist. Er hat nämlich Korsakov, das ich zuvor nicht kannte. Der Chef-Pfleger übersetzt das böse mit: "Hirn rausgesoffen". Ein dauerhafter Hirnschaden infolge des Alkohols (oder auch Vitamin B1-Mangels). 
In Zimmer 9 zwei jüngere Süchtige. Der eine macht hier ein gutes Geschäft: Er verkauft Urin, abgepackt in Duschgelflaschen, den er wiederum anderen Patienten abkauft und welcher "sauber" ist. So kann man nach dem 30minütigen Ausgang in Ruhe eine saubere Probe abgeben, obwohl man eigentlich sternhagelvoll ist. Blöd nur, wenn beim Drogenscreening im Urin dann auch das HCG positiv aufleuchtet, was bedeutet: Schwanger. Als Mann doch zumeist schwierig.
DIe Intensivzimmer sind heute auch gut belegt. Außerdem ist noch ein Sedierter dabei, der schon fixiert von der Polizei gebracht wurde. Ein Patient hat sehr heftige Symptome und krampft sogar, obwohl er nur Schnupfen hat. Er nimmt seit vielen Jahren krasse Opiode, die man Palliativpatienten im Endstadium verschreibt, sowas wie Schmerz kannte er nie. Nicht mal einen kleinsten Schnupfen hält er daher aus. 

Eigentlich sollen alle 2 Wochen lang körperlich entziehen, bevor eine sinnvolle Weiterbehandlung auf anderen Stationen möglich ist. Hier verläuft alles ein wenig schräg zur Realität. Z.B. Benzodiazepin-Süchtige, die mit Benzodiazepinen entziehen. 🤪

 

Tja, was kann man psychologisch nun auf dieser Station tun? 😀Sehr gefragt ist man tatsächlich nicht. Hier braucht es vor allem Ärzte, aber auch Sozialarbeiter, die schnell Langzeittherapien, Unterkünfte, Krankenversicherungen, Pflegegrade usw. veranlassen können. Psychologen mögen die Sucht nicht so sehr - sie verbuchen gerne Erfolge beim Patienten auf ihre Methoden. In der Sucht bleibt dieser Erfolg definitiv aus.

Offiziell sind meine Aufgaben das Explorieren von Eigen- und Fremdgefährdung (u.a. Suizidalität) für den Richter, der täglich kommt, um festzustellen, ob Patienten nach einer Einliferung wieder entlassen werden können. Oder aber Kriseninterventionen und diagnostisch vor allem den Berliner Amnesie Test, sowie den ESI (Eppendorfer Schizophrenie Inventar).

Klar kann man mit stabileren Patienten auch ABC-Modelle machen oder auch die "Förderung der Abstinenzmotivation", doch dafür sind viele im Entzug noch zu instabil. Sie brauchen hier vor allem jemanden, der mal ohne zu urteilen zuhört. Nicht belehrt und nicht bevormundet. Das tun ohnehin schon alle anderen. Vielen hört seit Jahren keiner mehr zu. Da mein Büro der einzige schöne Ort auf der Station ist, ist ein Aufenthalt dort für viele Patienten sowas wie Kurzurlaub. Das nutze ich: Ich mache Kleingruppen dort nach Themen sortiert: Mütter, vernachlässigte Ehefrauen, Obdachlose, Schmerzmittelsüchtige Opis oder auch mal offene Runden, für alles, was belastet.

Die Sucht lehrt psychologisch auf den ersten Blick wenig, aber menschlich nehmt ihr eine ganze Menge mit: Wie man ganz niederschwellig Leute behandelt und denen zuhört, die u.a. Verbrechen begangen haben. Unglaubliche Lebensgeschichten erfahre ich über Menschen, die schon mit 9 anfingen, auf der Straße zu leben. Fast alle haben Missbrauchserfahrungen in der Biographie. So erfährt man auch viel, dass Sucht nichts mit Partys usw. zu tun hat, sondern immer auch eine Betäubung ist.

Ich würde behaupten, man muss den Menschen etwas näher sein (wollen) und sich sehr gut auf sie einstellen können. Medizinisch lernt man zudem eine Menge.
In der Gruppen lasse ich es zu, dass man mich duzt; ich duze andersherum auch.  Abstinenzgeschichten sind bei diesen Patienten oft nicht mehr möglich. Das Leben von Süchtigen ist oft so leer, dass nur noch die Suchtszene übriggeblieben ist.

Als Erfolg sehen darf man, wenn der Patient es geschafft hat, sich mal zu öffnen, wenn er wieder vertrauen kann und wenn er motiviert werden kann, zumindest seine Medikamente zu nehmen. Denen trauen Suchtpatienten nämlich oft nicht, obwohl sie ja Zeug vom Dealer einwerfen.
Auf keinen Fall haben hier Allmachtsphantasien à la "Erfolg ist nur, wenn der Patient nie wieder was anrührt, sonst bin ich ein schlechter Psychologe" was verloren. Und doch passiert Letzteres oft, deswegen halten es die meisten Psychologen im Schnitt 3-6 Monate hier aus 😐

Es gibt hier viele Wiedersprüche und Verdrängung: Man schädigt sich körperlich selbst, traut aber Aspirintabletten nicht. Man ist seit 40 Jahren süchtig, glaubt aber, diesmal "sei endgültig schluss". Man hat sich selbst etwas hinter die Binde gekippt, sagt aber, einem sei was ins Getränk gemischt worden.
Mit diesen Menschen arbeitet man :-).

Also nehmt diese doch sehr menschliche Erfahrung auf jeden Fall mit, wenn ihr könnt!

Bleibt gesund und haltet zusammen,
LG

Titelbild: Cottonbro/pexels.com
 

Bearbeitet von Vica

3 Kommentare


Empfohlene Kommentare

 Beim Lesen dachte ich: Alles noch sehr vertraut aus meiner Zeit als Krankenschwester und als klinische Sozialarbeiterin. Manches Mal oder auch oft kann man nicht helfen, sondern einfach nur stützen, lindern aushalten und annehmen (auch und gerade die Lebensgeschichten die sich hinter so vielen Fällen verbergen) so wie sie, die Patienten sind, ohne zu urteilen. 

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Suchterkrankungen haben in all den allgemeinmedizinischen Praxen, in denen ich tätig gewesen bin, einen nicht zu verachtenden Anteil der psychischen Erkrankungen ausgemacht - vor allem Alkoholabhängigkeit (über alle Gesellschaftsschichten hinweg verteilt) und Drogenabhängigkeit...

 

Eine dieser Praxen hatte u.a. einen suchtmedizinischen Schwerpunkt, so dass mir dort auch Patienten mit multiplem Substanzmissbrauch, Opiodabhängigkeit usw. begegnet sind - habe dort Dinge gesehen und erlebt, auf welche ich hätte durchaus verzichten können...

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