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Markus Jung

Offener Brief an die Bundeskanzlerin

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In einem offenen Brief wendet sich der Fachverband Forum DistancE-Learning unter der Überschrift "Digitale Bildung: Fernunterricht ist mehr als nur ein Retter in Corona-Zeiten" an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel.

 

Nachfolgend der Brief im Wortlaut:

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

 

die Entwicklungen um die Corona-Pandemie bestimmen den Alltag einer ganzen Nation und stellen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen vor noch nie dagewesene Herausforderungen. Wir erleben dieser Tage eine Regierung, die durch entschlossenes Handeln darum bemüht ist, die Folgen der Krise aufzufangen und mit Soforthilfeprogrammen, Rettungsschirmen und weiteren Fördermaßnahmen Unternehmen und Arbeitsplätze zu schützen.

 

Deutlich wird aber auch, dass es gerade digitale Angebote und Lösungen sind, die Wirtschaft und Gesellschaft nun Möglichkeiten aufzeigen, der Krise zu begegnen. So präsentiert sich vor allem Fernunterricht als Retter der Bildung, während im ganzen Bundesgebiet Schulen und Hochschulen geschlossen wurden. Fernunterricht wird quasi systemrelevant. Zwar gibt es keine bundeseinheitliche Richtlinie, die Pädagogen dazu aufruft, digitale Unterrichtskonzepte zu nutzen, doch profitieren in vielen Bundesländern Schülerinnen und Schüler von digitalen Lehr- und Lernangeboten und der Motivation vieler Lehrkräfte, den Kontakt zu ihren Schülern auf zeitgemäßen Wegen schnell und unkompliziert halten zu wollen. Denn zu Recht wird die Methode Fernunterricht mit seinen digitalen Elementen derzeit hoch gelobt, bietet sie doch als einzige und alternativlos die Möglichkeit, neues Wissen zu vermitteln und Erlerntes zu festigen. Sie ermöglicht gerade Kindern die Aufrechterhaltung von Strukturen und schafft Zufriedenheit.

 

Dass Fernunterricht funktioniert und nicht nur Retter in Zeiten von Schulschließungen während der Corona-Krise sein kann, wissen wir seit Jahrzehnten. Wir, das sind die Mitglieder des Forum DistancE-Learning e.V., dem Bundesverband der Fernstudienanbieter. Seit 1969 bündeln wir die vielfältigen Aktivitäten einer zukunftsorientierten Wachstumsbranche und stärken deren Position durch eine engagierte Öffentlichkeitsarbeit.. Seit der Gründung des Fachverbandes vor 50 Jahren unterstützen seine Mitglieder nachhaltig die Etablierung einer lernenden Gesellschaft. Durch unsere wissenschaftlichen und bildungspolitischen Aktionen regen wir die öffentliche Diskussion an und stärken die Akzeptanz einer zukunftsweisenden Lernmethode. Wir setzen Impulse für innovative Lernkonzepte, die den Anforderungen der heutigen Gesellschaft, des

 

Arbeitsmarktes und den Ansprüchen von lernenden Erwachsenen gerecht werden. Denn die Möglichkeiten der digitalen Bildung reichen auch in Zeiten von Corona weiter, als nur in Schulen und Hochschulen die alternative Aufrechterhaltung eines Lehrbetriebs zu ermöglichen. So sind Fernunterricht und Fernstudium gleichwohl eine zukunftsorientierte Säule der Erwachsenbildung.

Nicht erst seit der Veröffentlichung der Nationalen Weiterbildungsstrategie wissen wir um die Notwendigkeit einer breiten Weiterbildungsbeteiligung, die gerade jetzt, im derzeitigen Angesicht von Kurzarbeit und drohenden Arbeitsplatzverlusten, Wege aus der Krise weisen kann. Auch hier bietet aktuell nur der Fernunterricht aufgrund von staatlich verordneten Kontakteinschränkungen eine alternativlose Perspektive für viele Betroffene.

 

Gerne stellt sich das Forum DistancE-Learning daher als Gesprächs- und Diskussionspartner zur Verfügung und plädiert dafür, nachstehende Punkte umgehend in Angriff zu nehmen, um das Potenzial der Methode Fernunterricht und seiner digitalen Elemente auch zukünftig zielführend nutzen zu können:

 

Rechtssicherheit von Online-Anmeldung
Wir können online einkaufen, den Urlaub buchen und viele weitere Verträge eingehen, aber eine Weiterbildung im Fernstudium kann digital, ohne Offline-Unterschrift, nicht rechtssicher abgeschlossen werden. Das Forum DistancE-Learning fordert daher, Schriftformerfordernisse für Fernunterrichtsverträge während der Corona-Krise und darüber hinaus aufzuheben. Denn jetzt kommt es darauf an, Interessierten einen schnellen und sicheren Zugang zu Weiterbildungen zu ermöglichen!

Niedrigschwelligen Zugang zu digitalen Weiterbildungsangeboten für Beschäftigte/Kurzarbeiter und für Arbeitsuchende schaffen und aufrechterhalten
Da sich Weiterbildungsförderungen (AZAV) aktuell ausschließlich auf Fernunterrichtsangebote beschränken, sollten gerade diese auch Suchenden über die Arbeitsagenturen angeboten werden. Wir begrüßen die leichtere Beantragung von Weiterbildungsmaßnahmen, wie im „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ beschlossen, und hoffen, dass diese nun schnell und unbürokratisch genehmigt werden. Wünschenswert wäre zudem eine aktive Ansprache von krisenbetroffenen Unternehmen durch die Bundesagentur, um auf Fördermöglichkeiten hinzuweisen. Denn gerade hier gilt es nun, gezielt Mitarbeiter zu qualifizieren, um die Folgen der Krise so gering wie möglich zu halten.

 

Keine Umsatzsteuer für Fernunterrichtsangebote
Der Verband fordert, Diskussionen um die Besteuerung von Fort- und Ausbildungsleistungen im Fernunterricht nicht erneut zu diskutieren. Denn wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass die angedachte Erhebung einer Umsatzsteuer auf Fernstudienangebote zu einer nicht unwesentlichen Verteuerung der Angebote führt, die letztendlich auch der Endverbraucher zu tragen hat. Ein derartiges Vorhaben würde die Bemühungen der Bundesregierung um die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung signifikant konterkarieren. Auch die Besteuerung digitaler Vermittlungsformate wie Webinaren oder webbasierte Trainings, die aktuell nicht als Unterrichtsformate anerkannt werden, gilt es von der Umsatzsteuer zu befreien

 

Einordnung von Fernunterrichtsabschlüssen in den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR)
Der DQR als Instrument zur Einordnung der Qualifikationen des deutschen Bildungssystems soll zum einen die Orientierung im deutschen Bildungssystem erleichtern und zum anderen zur Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa beitragen. Die Zuordnung der formalen Qualifikationen, also der bundes- oder länderrechtlich geregelten staatlichen Qualifikationen, erfolgt bereits heute nach dem Konsensprinzip im Arbeitskreis DQR. Obwohl es sich auch bei staatlich zugelassenem Fernunterricht um formale Bildung handelt, ist eine Einordnung von Fernunterrichtsabschlüssen bislang jedoch nicht vorgesehen bzw. wird verweigert. Das Forum DistancE-Learning fordert dies zu ändern, um auch hier Anbietern von Fernunterricht die Wettbewerbsfähigkeit zu garantieren.

 

Mittel aus dem DigitalPakt (unabhängig von Bundesland)
Das BMBF verkündete jüngst, kurzfristig 100 Millionen Euro aus dem DigitalPakt Schule bereitzustellen, um Unterrichtsausfälle durch digitales Lernen gut abfedern zu können. Diese Mittel werden über die Länder vergeben. Fernunterricht lebt jedoch davon, eben grenzübergreifend angeboten werden zu können. Wir plädieren daher dafür, Mittel des DigitalPakts bundeseinheitlich auch Fernschulen zur Verfügung zu stellen, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, Angebote beispielsweise noch zielgruppengerechter digital gestalten zu können. Denn im Fernunterricht können nicht nur Qualifikationen der beruflichen Weiterbildung erworben werden, sondern mittels Fernunterricht werden seit Jahrzehnten jährlich auch tausende Teilnehmer auf Schulabschlüsse bis hin zum Abitur vorbereitet. Selbstverständlich muss der DigitalPakt auch Fernhochschulen fördern, unabhängig von Bundesland und Trägerschaft.

 

Unterstützung von Menschen, die einen bereits begonnenen Fernkurs nicht mehr finanzieren können
Nach aktuellen Daten sind hunderttausende Arbeitnehmer in Deutschland in Kurzarbeit und weitere werden sicherlich in den kommenden Wochen folgen. Viele von ihnen haben bereits vor der Krise Weiterbildungen begonnen und geraten aufgrund der Entwicklungen nun unverschuldet in Zahlungsnot. Wir regen daher an, über eine staatliche Soforthilfe für Fernstudierende nachzudenken, damit Kursgebühren auch weiterhin gezahlt werden können oder ggf. die Zugangsmöglichkeiten zu Förderprogrammen im Rahmen der Corona-Krise anzupassen, so dass Mittel aus Maßnahmen auch während der Durchführung der Weiterbildung beantragt werden können und nicht, wie bislang gehandhabt, ausschließlich vor Abschluss der Verträge.

 

Wir erleben gerade eine Zeit, in der Fernunterricht thematisiert und gelobt wird wie selten zuvor. Unsere Branche tut alles und leistet ihren Beitrag, um die Krise zu überwinden. Und doch müssen sich auch Fernunterrichtsanbieter auf die neue Situation einstellen, Veranstaltungen absagen oder umorganisieren und kämpfen mit wirtschaftlichen Folgen. Denn der Staat hat es in den vergangenen Jahren eben versäumt, diese modernste Form der Bildung und Weiterbildung wettbewerbsfähig gegenüber Bildungsangeboten in Präsenz zu gestalten. Dabei stellt sich gerade jetzt einmal mehr die ganze Breite der Leistungsfähigkeit von Fernunterricht dar. Vielleicht ist die aktuelle Situation der Auslöser, den es gebraucht hat, um die gesellschaftliche, politische und auch wirtschaftliche Relevanz der Methode zu erkennen.

 

Lassen Sie uns die Chance nutzen und Fernunterricht nicht nur als Rettungsanker für Schülerinnen und Schüler in der Krise zu sehen, sondern als das, was er tatsächlich ist: Die modernste Form der Bildung, der sich auch Deutschland nach der Krise nicht verschließen sollte!

 

Mit freundlichen Grüßen
Mirco Fretter
Präsident
Forum DistancE-Learning e.V.
Der Bundesverband der Fernstudienanbieter

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@KanzlerCoaching Probieren kann man es ja mal, wie soviele andere Branchen/Unternehmen - die hier und da versuchen ihr Missmanagement nun Corona zu zuschieben und sich auf Kosten der Steuerzahler zu sanieren.

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Geschrieben (bearbeitet)

Sobald öffentliche Mittel in Aussicht gestellt werden, kommen alle aus den Löchern, da haben Sie recht! Und alle sind auf einmal systemrelevant.

Bearbeitet von KanzlerCoaching

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vor 32 Minuten, KanzlerCoaching schrieb:

Hm, ich werde vermutlich hier für die Analogie gesteinigt werden. Aber ich stelle mir gerade vor, dass Amazon sich mit einem ähnlichen Brief als Retter der individuellen Versorgung präsentiert. Und eine Abschaffung bzw. eine Erleichterung in Bezug auf Steuern fürs Unternehmen ins Spiel bringt.

 

Die Anbieter von Online-Ausbildung sind gewinnorientierte Unternehmen, vor Corona, während Corona und auch nach Corona. Das sollte man im Auge behalten.

 

Von mir werden Sie nicht gesteinigt, ich sehe das ähnlich. Ich fände es viel sinnvoller, zu fordern, dass mehr Geld in die Digitalisierung staatlicher Bildungsangebote gesteckt wird. Zum Beispiel in Schulen oder in Fernstudienkurse an staatlichen Universitäten. Stattdessen wird jetzt hier gefordert, dass auch kommerzielle Anbieter Geld aus dem DigitalPakt bekommen, das eigentlich für Schulen bestimmt ist. Naja.

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Ich bin ganz überrascht, so schnell so viel Zustimmung zu bekommen. Schließlich ist hier ja die Zielgruppe vertreten, zu deren Bestem der Verband seine Forderungen formuliert!

 

 

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Mal ein ganz heißer Tipp gerade für die großen Anbieter von Distance Learning:

 

Die Veranstalter könnten auch gerne mal andere Zahlungsodalitäten für ihre TN anbieten. Reduzierte Montasbeiträge dafür mehr Raten. Oder individuelle Regelungen für jeden Teilnehmer, die vielleicht besser passen könnten für ihn.

 

So etwas machen im Moment kleinere Anbieter. Die ermöglichen das manchmal bzw. überlegen das aktuell.

 

DAS ist gelebte Solidarität. Der Ruf nach "Staatsknete" in diesem Umfeld ist Gewinnmaximierung.

(Ich merk gerade, dass ich eigentlich ziemlich sauer bin!)

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Gast
Geschrieben (bearbeitet)

Was für mich aber in dieser Krise tatsächlich offenkundig wurde, ist, dass unser staatliches Bildungssystem einen massiven, wirklich krassen, Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung hat. Da sind wir als Gesellschaft, Kinder und Eltern, deutlich weiter als die staatlichen Institutionen – von der Kita bis zur Schule.

 

Als Beispiel könnte ich die Grundschule eines meiner Kinder nennen. Der ersatzweise Unterricht erfolgt gerade über Arbeitsblätter, die wir uns selbst ausdrucken. Den "Stundenplan" bzw. die Organisation des Lernens in der Zeit habe ich selbst für das Kind organisiert. Seitens der Schule kommt nichts, absolut gar nichts. Die Lehrerin war zunächst, obwohl selbst relativ jung, offensichtlich mit der digitalen Kommunikation mit den Eltern überfordert, findet sich aber so langsam ein und kümmert sich. Trotzdem ist sichtbar, dass hier jede Lehrkraft für sich allein kämpft und es keinerlei staatlichen Plan gibt. Und das in dem Bundesland, das sein Abitur über das aller anderen Länder stellt ...

 

An dem Punkt könnte und sollte also durchaus auf das Erfahrungswissen der Fernschulen und Fernhochschulen zugegriffen werden, so dass deren Methoden, dort wo sinnvoll, zukünftig Einzug in den Alltag staatlicher Schulen finden können.

 

Aber ich wette, dieser Austausch wird schon daran scheitern, dass man sich damit ja selbst Konkurrenz schaffen könnte ;-).

Bearbeitet von Gast

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Ich denke, dass die Fernunterrichtsbranchen zumindest mittelfristig sogar zu den Gewinnern der Corona-Krise gehören wird, weil diese Lernmethode noch mehr in den Fokus rückt und für eine größere Zielgruppe interessant wird.

 

Gut finde ich es, dass einige Anbieter jetzt ihren Teilnehmern finanziell entgegen kommen oder auch Inhalte kostenfrei zur Verfügung stellen, aber zum Beispiel auch Know-How mit der Online-Lehre weitergeben für Lehrer etc.

 

Der Brief enthält teilweise Forderungen, die zwar grundsätzlich berechtigt sein können, aber im Grunde völlig unabhängig von der aktuellen Situation sind und teilweise auch schon in der Vergangenheit formuliert worden waren, wie zum Beispiel der Verzicht auf eine Besteuerung von Leistungen aus Fernunterrichtsverträgen.

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vor 20 Minuten, Markus Jung schrieb:

Der Brief enthält teilweise Forderungen, die zwar grundsätzlich berechtigt sein können, aber im Grunde völlig unabhängig von der aktuellen Situation sind und teilweise auch schon in der Vergangenheit formuliert worden waren, wie zum Beispiel der Verzicht auf eine Besteuerung von Leistungen aus Fernunterrichtsverträgen.

 

Warum sollten Leistungen eines privatwirtschaftlich agierenden und damit gewinnorientierten Unternehmens denn nicht besteuert werden?

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