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Springer Campus Präsenztag am 29.09.2018 - Teil 3

kurtchen

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14 Uhr - Vorlesung: "Smarte Gegenstände, hybride Produkte, disruptive Geschäftsmodelle, neue Arbeitsformen, Always on-Gesellschaft - wie Vernetzung und Digitalisierung Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft verändern", Prof. Dr. Uschi Gröner, FH Dortmund

 

Die letzte Vorlesung des Tages hielt Prof. Dr. Uschi Gröner vom Fachbereich Wirtschaft der FH Dortmund. Sie lehrt Betriebsinformatik und verteilte Informationssysteme. Da am Ende des Präsenztages meine Aufmerksamkeit schon etwas nachließ, waren meine Notizen dazu nicht mehr so detailliert. Insofern kann ich über ihren Vortrag nur skizzenhaft berichten.

 

Ist-Zustand

 

Frau Gröner begann mit einer Analyse des Ist-Zustandes. 81% der Bevölkerung sind Online. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass immerhin noch 19% - also fast ein Fünftel der Bevölkerung - "Offliner" sind. 15-16 Millionen Deutsche sind NICHT im Internet. 94% davon sind älter als 50. Frauen stellen in dieser Gruppe die Mehrheit.

 

Wie nimmt man diese Gruppe mit? Diese Frage ist relevant, denn gerade Führungskräfte sind oft ältere Mitarbeiter. Startups haben dagegen meist junge Mitarbeiter. Es fehlt oft an Kompetenzen, ältere Mitarbeiter und solche, die nicht so technikaffin sind, in Übergänge einzubinden.

 

Weltweit sind ca. 4 Milliarden Menschen online. Wir befinden uns in der Phase der 4. industriellen Revolution. Wie sind wir dorthin gelangt?

 

Blick zurück

 

Frau Gröner lieferte einen knappen historischen Rückblick über die bisherigen 3 industriellen Revolutionen. (Im Modul "Electronic Business" wird dieses Thema ausführlicher behandelt.) Einen guten Überblick liefert in diesem Zusammenhang eine Timeline zur Geschichte der Digitalisierung, die man unter www.swisscom.ch finden kann.

 

1. Industrielle Revolution

 

Sie begann um 1784 mit der Nutzung von Wasser und Dampfkraft und war gekennzeichnet durch mechanische Produktionsanlagen, die harte körperliche Arbeit ersetzten. In diese Ära fallen auch Innovationen wie die Eisenbahn und der Photoapparat. (Die Eisenbahn eröffnet z.B. die Möglichkeit, auch weiter entfernte Märkte zügig zu beliefern.)

 

2. Industrielle Revolution

 

Sie begann um 1870 und ist gekennzeichnet durch die Nutzung elektrischer Energie, künstliches Licht (das z.B. Produktion rund um die Uhr ermöglichte), das Fließband, die Erfindung des Telefons. Es war die Ära der arbeitsteiligen Massenproduktion. Frau Gröner empfahl in diesem Zusammenhang den Spielfilm-Klassiker "Moderne Zeiten" von Charlie Chaplin. Er zeigt und parodiert die monotone Arbeit dieser Zeit.

 

3. Industrielle Revolution

 

Sie begann um 1969. Es ist die Ära der speicherprogrammierten Steuerung und der Miniaturisierung von Technik. Dies ermöglichte automatisierte Produktion durch elektronische Steuerung. In diese Phase fallen Innovationen wie E-Mail, Mikrosystemtechnik, Mikroprozessoren oder RFID. Durch Software können immer mehr Arbeitsprozesse automatisiert werden, z.B. im Rechnungswesen. Unternehmenskennzahlen sind erstmals zeitnah verfügbar. Vorher war der Jahresabschluss eines Vorjahres oft erst im August fertig. Auch das World Wide Web, GPS, Mobilfunk oder Skype werden dieser Epoche zugerechnet.

 

4. Industrielle Revolution

 

Sie findet gerade statt und ist gekennzeichnet durch die Verschmelzung von virtueller und realer Welt. Alles ist mit allem vernetzt. Es ist eine Ära der Sensorik und Robotik und der weltweiten Vernetzung von intelligenten Gegenständen (Internet of things, IOT). Menschen und Geräte sind "always on". Durch die Vernetzung aller Dienste entsteht Big Data. Intelligente Algorithmen übernehmen zunehmend Denkarbeit. Nutzer haben nicht nur Smartphones sondern zunehmend Smart Things.

 

Konsequenzen von "always on"

 

Der Mensch und seine Wünsche stehen im Mittelpunkt. Internetbasierte Dienste bieten ihren Nutzern enormen Komfort und enorme Preistransparenz. Nutzer erwarten, alles sofort und zum bestmöglichen Preis zu bekommen. Sie wollen personalisiert angesprochen werden (also z.B. nur Angebote bekommen, die für ihre Präferenzen und Bedürfnisse relevant sind).

 

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Infografik "60 Sekunden im Internet" auf de.statista.com.

 

An dieser Stelle thematisierte Frau Gröner einen Widerspruch: Die oben erwähnten Erwartungen an schnelle und günstige Bedürfnisbefriedigung stehen im Widerspruch zu unserem Wunsch, nicht transparent zu werden. Dafür müssten wir allerdings lernen, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun, oder darauf verzichten, bestimmte Dienste zu nutzen. Als Beispiel nannte sie Fitness-Tracker, die Bewegungsprofile erfassen. Selbstverständlich könnte man sich auch ohne solche Hilfsmittel fit halten.

 

An dieser Stelle entspann sich eine kleine Diskussion unter den Zuhörern. Manche Studierende setzen ihre Hoffnung auf bessere Aufklärung und Bildung insbesondere jüngerer Nutzer. Wenn diese über Risiken informiert seien, würden sie bewusster mit der Preisgabe persönlicher Daten umgehen. Andere sahen das pessimistischer. So gibt es z.B. kostenpflichtige Alternativen zu Diensten wie WhatsApp. Diese werden aber wenig genutzt, obwohl sie nur wenig kosten. Frau Gröner verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass die meisten Menschen inzwischen sehr viele Dienste nutzen. Selbst wenn pro Dienst nur überschaubare Beträge fällig würden, käme so im Monat doch eine nennenswerte Summe zusammen.

 

Was ist Digitalisierung?

 

Die Überführung analoger Werte in digitale Wert ist in diesem Zusammenhang nicht gemeint. Auch nicht die Automation, denn die gab es schon in der 3. industriellen Revolution. Auch die Kombination von Automation und Änderung des Geschäftsmodells ist noch nicht gemeint. Ein Beispiel dafür wäre eine digitale Überweisung und auch die gibt es schon länger.

 

Gemeint ist vielmehr ein Paradigmenwechsel. Software und Hardware werden für völlig neue Geschäftsmodelle eingesetzt. Wenn diese neuen Geschäftsmodelle alte ersetzen, nennt man sie disruptiv. Oft decken solche Modelle aber auch einen bislang ungedeckten Bedarf.

 

Ein Beispiel für solch ein neues Geschäftsmodell findet sich unter www.moovel.com. Daimler und BMW bündeln dort ihre Mobilitätsdienste. ÖPNV, car2go, mytaxi und Bahn werden in einer App verbunden. Man kann schnellste Routen über unterschiedlichste Verkehrsträger suchen, buchen und bezahlen. Das hat das Potential, Dienste, die nur einen Verkehrsträger abdecken, zu ersetzen.

 

Warum macht ein Unternehmen wie Daimler so etwas? Wahrscheinlich weil man erwartet, dass künftig nicht das Auto im Mittelpunkt des Kundeninteresses steht sondern die Mobilität an sich.

 

Bei einem disruptiven Geschäftsmodell ändern sich die Art der Leistungserbringung, die Leistung, das Produkt oder die Art der Bezahlung. Elektronische Zahlverfahren spielen dabei eine wichtige Rolle.

 

Ein Beispiel für ein (künftiges) disruptives Geschäftsmodell wäre Carsharing mit fahrerlosen Autos. Die Fahrzeuge wären besser ausgelastet und man bräuchte weniger Platz für parkende Autos. Der Kunde "kauft" seine Fahrt zu Arbeit und nicht ein Fahrzeug, das die meiste Zeit ungenutzt herumsteht.

 

Kennzeichnend für neue Geschäftsmodelle sind oft neue Erlösmodelle. Gängig ist inzwischen, dass neben Nutzern und Anbietern eines Dienstes noch Dritte involviert sind. Frühere Geschäftsmodelle folgten dem Muster: "Ich kaufe oder nutze, also muss ich auch bezahlen." Bei neuen Geschäftsmodellen zahlt die Leistung immer häufiger ein Dritter, weil er personalisierte Werbung platzieren will oder mit personenbezogenen Daten der Nutzer handeln möchte.
 
Welche Technologien haben Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen?

 

  • Industrie 4.0: Maschinen und Gegenstände werden mit Hard- und Software gekoppelt. Es entsteht ein Cyber Physical System, z.B. eine Smart Factory, in der Maschinen miteinander kommunizieren. Sie rüsten sich z.B. schneller ein oder um, weil sie wissen, welche Teile von anderen Maschinen kommen.
  • Big Data: Entsteht als Folge der Vernetzung aller Dienste und Geräte. Big Data bezieht sich auf das Volumen der Daten und auf die Geschwindigkeit ihrer Generierung, aber auch auf eine größere Datenvielfalt (Formate, unstrukturierte und halbstrukturierte Daten). Real-Time Analytics ermöglicht die Auswertung solcher Daten in Echtzeit und somit schnellere Entscheidungen. Predictive Analysis versucht, auf der Grundlage vorhandener Daten in die Zukunft zu blicken. Prescriptive Analysis geht noch einen Schritt weiter, indem automatisiert Handlungsempfehlungen gegeben werden. Im Zusammenhang mit Big Data entstehen neue Berufsfelder mit Bezeichnungen wie Data Scientist, Datenanalyst, Datenarchitekt, Datenwissenschaftler. Die Datenmengen sind in den Unternehmen oft längst da. Die Unternehmen bekommen nun aber neue Möglichkeiten, die vorhandenen Daten zu nutzen.
  • Augmented Reality: Techniker bekommen bei Reparaturen Hilfestellungen in ihr Sichtfeld eingeblendet.
  • Robotik: Ein Beispiel für eine neue Robotik-Anwendung ist Pepper, ein humanoider Roboter, der z.B. in Verkaufräumen oder an Empfangstischen eingesetzt werden könnte. Ein anderes Beispiel sind Roboter für die letzte Meile im Logistikbereich.
  • Blockchain: Mit dieser Technologie lassen sich Daten fälschungssicher ablegen. Estland nutzt dies z.B. für Bürgerdaten.
  • 3D-Druck: Ein Beispiel wären 3D-Drucker, die ein Wohnhaus bauen können.
  • Spracheingabe-Systeme: Viele Nutzer haben bereits solche Sprachassistenten. Diese müssen sich an ihre Nutzer anpassen, indem sie trainiert werden. Das geht mittlerweile meist recht schnell.

 

Was sind Folgen der Digitalisierung?

 

  • Die Arbeit wird sich verändern: Microsoft hat in München ein Gebäude, in dem nur Arbeitsplätze für zwei Drittel der Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Der Rest ist im Home Office. Auch Digitale Nomaden sind ein Beispiel für veränderte Arbeit.
  • Es gibt Plattformunternehmen ohne Produktionsmittel: Sie haben schon heute produzierende Unternehmen als Börsenchampions abgelöst. Börsenwert und Anzahl der Beschäftigen entkoppeln sich. Für vergleichbare Leistungen werden viel weniger Beschäftigte gebraucht. Ein vergleichbarer oder sogar höherer Börsenwert lässt sich mit weniger Beschäftigten generieren.
  • Der IT-Fachkräftemangel spitzt sich in allen Branchen zu.

 

9 von 10 Unternehmen halten die Digitalisierung für eine Chance.

 

Im Verlauf des Vortrages kam es immer wieder zu kleinen Diskussionen. Gerade über das Thema "Folgen der Digitalisierung" hätten wir noch lange sprechen können. Leider endete nicht nur diese interessante Vorlesung sondern auch der Präsenztag. Gerade Studierende, die eine weitere Anreise hatten, mussten ihre Anschlüsse bekommen.

 

Fazit (zum Präsenztag):

 

Der Präsenztag war wieder mal sehr schön. Bei Kaffee und Kuchen, Snacks und Getränken gab es immer wieder Gelegenheit, mit anderen Studierenden, Mitarbeitern des Studienbüros und der Hochschule ins Gespräch zu kommen. Auch wenn der Studiengang gewachsen ist, die im Vortrag unserer Absolventen beschriebene familiäre Atmosphäre ist noch immer spürbar. Ich freue mich auf den nächsten Präsenztag. Falls ich gut vorankomme, könnte es mein letzter werden. Bei dem Gedanken mischt sich auch ein bisschen Bedauern in meine Vorfreude.



2 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Da waren deine Aufzeichnungen ja doch noch recht detailliert :).

 

Spannende Themen dabei.

 

Ich glaube, dass es bei der Nutzung von Diensten wie WhatsApp weniger darum geht, dass Alternativen etwas kosten, sondern gerade bei solchen Kommunikationsangeboten darum, wie verbreitet diese sind - und WhatsApp hat halt (fast) jeder, während es bei den Alternativen dann oft so aussieht, dass die Installation mehrerer Apps nötig wäre. Das Thema Datenschutz steht da denke ich oft hinten an bei den Auswahlkriterien.

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Das ist natürlich richtig. Hat ein Dienst eine kritische Masse an Nutzern erreicht, werden diese oft zum entscheidenden Argument für den Dienst. Dies gilt nicht nur für Kommunikationsdienste. So ist z.B. Amazon als Verkaufsplattform auch deshalb attraktiv, weil man zu den meisten Produkten Bewertungen findet. Hat ein Online-Händler nur wenige Kunden, so wird es für viele Produkte gar keine Erfahrungsberichte geben. Dann muss man doch bei Amazon gucken und kauft dann auch gleich dort.

 

Bei WhatsApp ist die kritische Masse definitiv erreicht. Das Hauptargument gegen einen Wechsel - etwa zu Threema - dürfte heute sein, dass die bevorzugten Kommunikationspartner nicht erreichbar sind.

 

Beim Übergang von der SMS zu WhatsApp wurden mir allerdings die Kosten tatsächlich oft als wesentliche Motivation genannt. Per SMS war jeder erreichbar, per WhatsApp am Anfang nur manche. Aber die Mobilfunkanbieter haben sich zu lange darauf ausgeruht, mit SMS gut zu verdienen. Mit MMS gab es zwar die Möglichkeit, Medieninhalte zu schicken, aber das war noch teurer. Hier ist es WhatsApp gelungen, ein etabliertes Medium trotz anfänglich noch geringer Verbreitung in kurzer Zeit zu verdrängen.

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