Zum Inhalt springen

Sie kriechen aus dem Kellerschacht... (kindliche Ängste vor Spukgestalten)


Vica

669 Aufrufe

Passend zu Halloween heute eine interessante Beobachtung aus der KiJu-Psychiatrie über ein Störungsbild, das jüngere Kinder extrem stark belastet und von den Eltern häufig bagatellisiert wird. Ich hatte das große Glück, dass im Fernstudium darauf eingegangen wurde. Ich glaube aber nicht, dass das die Norm ist. 

Gibt es denn eine Störung, bei der Kinder im Vor- und Grundschulalter am liebsten selbst einen Termin in unserer Kinderpsychiatrie ausmachen würden, wenn sie könnten (statt, wie sonst, von den Eltern eher gegen ihren Willen gebracht zu werden)? 
Eindeutig ja, denn viele haben eine extreme Angst vor Monstern, Geistern und Gespenstern in der Nacht, die sie kaum schlafen lässt und manchmal zu echten Schlafdefiziten führen kann. Die wiederum führen dazu, dass sie in der Kita oder in der Schule und im sozialen Miteinander in Probleme kommen, da sie oft erschöpft und überreizt sind, womit viele Untersucher beim Verdacht auf ADHS sind. Die Problemlösekompetenzen sind mit Müdigkeit auch nicht mehr die besten, darum kann ein Kind schneller zuschlagen oder sich umgekehrt schneller vermöbeln lassen. Auch kann es zu Einnässen kommen. 

Man kann sie sogar als eigene Erkrankung codieren, wenn sie sehr ausgeprägt ist: 
F93.1 Phobische Störung des Kindesalters

Wer kommt denn zum ungebetenen Besuch?
Ungeheuer sämtlicher Varianten sind ganz schön gewitzt. Sie warten natürlich immer, bis die Erwachsenen weg sind und kommt dann heraus: Aus dem Schrank, vom Dachboden, Keller, dem Erdboden, manche gehen durch Wände, manche kommen aus anderen Dimensionen. Wiederum andere Spukgestalten kommen von außen ins Haus, wenn die Erwachsenen schlafen. Die Kinder sind dann überzeugt, dass sie den Geist die Treppe hochkommen hören. Stufe für Stufe. Manche wohnen auch in Häusern, die solche Überzeugungen stärken, in dem sie recht geräuschevoll sind: Die Fensterläden ächzen, der Wind heult, das Holz knarzt, die Mäuse tippeln auf dem Dachboden. Das Monster verwischt alle Spuren.
Es gibt das aber auch in anderer Ausführung: Einige Monster sind in der Toilette versteckt und warten darauf, zuzubeißen, sobald ein Kind draufsitzt. Folglich wird die Toilette gemieden. Es wird lieber nochmal nach einer Windel gefragt. Den Grund möchte das Kind nicht sagen. Viele Monster verbieten dem Kind ja auch, darüber zu reden. Eltern denken dann oft unnötigerweise in die Richtung, dass das Kind Entwicklungsschritte rückwärts macht.  Auch Außerirdische, die versuchen, das Kind nachts zu entführen, sind weit verbreitet. Bei religiösen Kindern ist es mehr Furcht vor dem Teufel, der sich nachts meldet, aber auch Angst vor Engelserscheinungen oder Angst vor dem Erscheinen verstorbener Verwandte gehören dazu. 

Verständnis gibt's nicht immer.
Manche Kinder flüchten nachts ins Elternbett. Dennoch werden die Ängste oft abgetan mit "Monster gibt's doch gar nicht!", was nur dazu führt, dass die Kids sich unverstanden fühlen, denn die Angst bleibt. Einige werden nachts auch wieder zurückgeschickt. Am nächsten Tag bekommt man dann auch ein Fernseh- oder Medienverbot reingedrückt, daran muss es nach Auffassung mancher Eltern liegen (ist aber Quatsch mit Soße und führt wohl kaum dazu, dass ein Kind sich öffnen kann). 
Interessanterweise nehmen einige erwachsenen Kinder die verweigerte Hilfe damals ihren Eltern heute noch krumm. Fast alle meine  (erwachsenen) Ambulanz-Patienten berichten dies. 

Ich kann mich daran erinnern, dass ich diese Spukängste in der Nacht als Kind auch hatte. Ein uraltes Haus aus dem 18.Jahrhundert kann sich nachts auf dem Dorf in ein Spukschloss verwandeln. Gleichzeitig war da eine gewisse Scham vor dem Problem.

Was mache ich mit den Kids?

  • Validieren: Ich versetze mich in seine Lage. Es muss fürchterlich anstrengend sein, die Nacht so zu bewältigen, statt in Ruhe zu schlafen. Und dass mir das sehr leid tut. Oft tritt an dieser Stelle schon die erste Besserung ein: Das Thema wird endtabuisiert. 
  • Im Narrativ bleiben: Ich möchte wissen, wie das Kind sich das Monster vorstellt. Ist es männlich oder weiblich? Welche Farbe hat es, was macht es so bei Tageslicht? Wo schläft es, wo wohnt es, wie kam es in diese Welt, wann hat es angefangen? Welche Geräusche usw. nutzt es, um das Kind zu erschrecken? 
  • Das Monster bekommt einen Charakter: Wir malen das Monster zusammen und es bekommt einen Namen manche Monster haben bereits Namen). 
  • Sokratischer Dialog: Ich möchte dann gerne (interessiert!) wissen, warum das Monster bei dem Kind eingezogen ist. Ich frage das Kind auch, warum es denkt, dass das Monster nur zu diesem Kind kommt - aber nicht z.B. zu den Geschwistern, Eltern, Freunden. Kann es sein, dass das Monster irgendwie einsam ist? Denn es könnte ja nachts schlafen. Das muss doch furchtbar anstrengend sein, jede Nacht diese Spukshow zu machen? Hat das Monster vielleicht Probleme in der Schule, wird es von anderen nicht so anerkannt? Könnte das Monster vielleicht versuchen, auf diese (blöde) Weise, Kontakt aufzunehmen? Das Monster flößt ja nur Angst ein, aber es schadet dem Kind nie - kann das bedeuten, dass es vielleicht gar nicht schaden will? Welche guten Seiten hat das Monster im Alltag? Was müsste es tun, damit man es mag?
  • Helferfigur: Falls das Monster aber bitterböse ist, implementieren wir eine Helferfigur, vor der das Monster selbst Angst hat. Z.B. ein Spiderman-Poster aufhängen, den mag es nämlich gar nicht. Oder aber sich das Monster z.B. in Herzchen-Unterhosen vorzustellen. Schmusetiere wie Teddys können auch als Wache vor der Tür oder in den Schrank oder ans Fenster gesetzt werden etc.  
  • Akzeptanz: Wir sprechen auch ein wenig über das Gefühl Angst und dass Angst eine normale Empfindung ist, die den Menschen auch hilft. Denn die Nacht, die ist ja wirklich ein bisschen gefährlicher als der Tag. Ich will auch wissen, ob sie sich auch schonmal geirrt haben, z.B. bei Schatten, die ja oft total ähnlich aussehen können. 
  • Rollenspiel: Ich spiele (verkleidet) das Monster, das Kind kann mich alles fragen, oder auch verbannen, bestrafen, therapieren...whatever. Viele Kinder wollen selbst in die Rolle des Monsters schlüpfen :D.  
  • Für Zuhause empfehle ich oft die Monster AG oder Monster Uni von Disney (nicht selten ein ziemlicher Game Changer) oder Lektüre wie "Das kleine Gespenst", "Die kleine HExe" etc. Aber auch explizit Geschichten mit Gruselgestalten und mutigen Kindern, die sich selbst zu helfen wissen, z.B. Ronja Räubertochter, Harry Potter, Merida usw. Es gibt auch schöne Brettspiele mit eher positiv besetzen Gruselgestalten (Das verrückte Labyrinth, Schnappt Hubi, Geistes Blitz, Hubi). Kindgerechte Halloweenpartys sind ebenfalls eine tolle Gelegenheit, Dämonen, Geistern und Hexen eher positiv zu begegnen und mal in deren Rollen zu schlüpfen. 
  • Elternschule: Ich mache auch separate Elterntermine, um zu erklären, dass vor allem kleinere Kinder nicht zwischen Realität und Wirklichkeit unterscheiden können und ihre Angst kein Versagen ist, weder beim Kind noch bei ihnen wegen schlechter Medienkontrolle usw. Ich erkläre auch die Ursachen von Angst, dass das eine normale Emotion ist und wie sie die obigen Schritte ganz leicht selbst durchführen können (insgesamt ist das leider der schwierigste Part und auch, der am wenigsten umgesetzt wird). 
  • Schlussendlich: Zeit und Geduld! 

 

Nicht immer, aber manchmal treten diese Ängste als Stellvertreter-Angst bei Traumata, Trennung, Streits, wichtigen Entwicklungsschritten (Schulwechsel usw.), Verlust/Tod auf. Das müssen wir immer mit beachten und mit behandeln. Denn hier kann es sonst zu einer Angstverschiebung kommen: Hat man dann die Nachtängste behandelt, treten auf einmal Zwänge oder soziale Ängste auf. 
Aber das ist glücklicherweise nicht oft der Fall. 

Kleiner Fact am Rande: Alle oben erwähnten Ängste gibt's NATRÜLICH auch im Erwachsenenalter und zwar häufiger, als ihr denkt. Aber das ist eine andere Geschichte :-). 

In diesem Sinne: Fröhliches Halloween! 

Bleibt gesund und haltet zusammen,
LG

Feature Foto: Jan_Van_Bizar/pexel.com

 

Bearbeitet von Vica

1 Kommentar


Empfohlene Kommentare

Oh ja knarzende Fensterläden an die erinner ich mich immer noch...

Ich hatte immer Angst davor, bis ich dann Horrorfilme für mich entdeckte, dann war es nicht mehr schlimm, ausser es ging um Spinnen, mit denen hab ich heute noch Probleme, aber es ist nicht mehr ganz so schlimm...

Link zu diesem Kommentar

Erstelle ein Benutzerkonto oder melde Dich an, um zu kommentieren

Du musst ein Benutzerkonto haben, um einen Kommentar verfassen zu können

Benutzerkonto erstellen

Neues Benutzerkonto für unsere Community erstellen. Es ist einfach!

Neues Benutzerkonto erstellen

Anmelden

Du hast bereits ein Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

Jetzt anmelden



×
  • Neu erstellen...