Zum Inhalt springen

Erstkontakt: Major Depression (schwere Depression, therapieresistent)


Vica

752 Aufrufe

* Als ich am ersten Tag des Praktikums an der Anmeldung stehe und meinen Essensplan für eine Woche ausfülle, fällt mir die Dame bereits auf. Mit sehr schweren Schritten schreitet sie die Haupttreppe zur Lobby herunter, obwohl sie insgesamt zierlich ist und auch gefütterte Hausschuhe trägt. Sie zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Das liegt nicht nur daran, dass sie so groß und komplett wie eine Trauernde in Schwarz gekleidet ist. Es ist auch, als schiebe sie etwas Schweres, Undefinierbares vor sich her. Es ist unsichtbar, aber doch irgendwie wechselswirkend mit allen anderen, denn viele drehen sich nach ihr um und machen gemischte Gesichter. Ein wenig wie die Definition von Dunkler Materie: Etwas, das wir nicht sehen, aber gleichzeitig doch nachweisbar gravitativ mit der Umwelt reagiert. 
Schwer zu sagen, wie alt sie ist. Bestimmt kaum 20, aber sie hat den Bewegungsapparat einer 80jährigen. Ich habe noch nie gesehen, dass sich jemand so bewegt, als gehöre er einer anderen Raumzeitdimension an als alle anderen. 
Sie erinnert mich auch an eine Tim-Burton-Figur, als sich wie ein Gespenst an mir Richtung Physio-Raum vorbeischiebt.  Oder auch an eine Trauerweide, die sich mit größter Mühe aus der Erde gelöst hat.
Passend dazu spreche ich von ihr nun als Frau T.

Ich sehe Frau T. immer mal wieder im Verlauf der Wochen über das Klinikgelände gespenstern. Entweder beim Essen, alleine im Hof oder im Treppenhaus. Als Noch-Master-Studentin überlege ich die ganze Zeit fieberhaft, zu welchem Krankheitsbild diese Störung passen soll. Irgendwie schaffe ich es dann auch, einen Hospitationstermin bei ihrem Bezugstherapeuten zu kriegen und während der Therapiesitzungen dabei sein zu dürfen.
Der Therapeut, selbst noch PiA, war damals ziemlich angenervt von der Patientin und verstand meinen Ehrgeiz weniger. Er sei schon der Dritte, der sich an ihr probieren würde, und der Chef habe auch keine Ideen mehr – auch medikamentös schlage alles fehl. Sie gelte als therapieresistent, hoffnungsloser Fall - und sei nur hier, damit das Schlimmste verhindert werden könne.

Ich lernte, dass sie eine Major Depression hatte, eine schwere Form der Depression. In ihrem Fall auch eine hartnäckige Variante. Sie war nicht mehr arbeitsfähig und musste ihren Job aufgeben. Die Traurigkeit und die Antriebslosigkeit hatte sie komplett im Griff und zog sich durch alle Bereiche ihres Lebens.  Insofern brachte Frau T. nichts mehr mit, womit wir arbeiten können und was wir „Ressourcen“ nennen: Keine Hobbies, keine Freunde, keine Beziehung, keine Zukunftsvorstellungen, kein soziales Umfeld außer den komplett ratlosen Eltern.
Deswegen bissen sich vermutlich andere Therapeuten die Zähne an ihr aus. Dass auch die Medikation nichts daran änderte, machte die Ärzte und Psychotherapeuten etwas misstrauisch. Schnell entsteht der Verdacht eines Krankheitsgewinns für den Patienten. Dass sich eigentlich nichts ändern soll, weil es Vorteile mitbringe. Z.B. dass sich alle um einen kümmern. 
Und das kann sein.
Dennoch finde ich sowas heikel. Es wäre ja auch pathologisch, auf diese Weise Aufmerksamkeit zu suchen. 

Schon während der ersten Therapiesitzung, bei der ich mit etwas Abstand anwesend sein durfte, fiel mir auf, was mir später in meiner eigenen PiA-Zeit bei sehr vielen Depressiven auffällt: Der gesenkte Blick nach unten. Um Blickkontakt muss man bitten. Es scheint den Betroffenen selbst nicht aufzufallen, sie erschrecken oft ein wenig. Wenn sie den Blick heben, sieht das sehr angestrengt aus.  Als würde man aus dem Keller kommen und in die Sonne gucken. Die Mimik der Patientin ist quasi nicht vorhanden. Sie wirkt kalt, aber auch irgendwie sehr, sehr angestrengt. Erstaunlicherweise berichtet sie (mit monotoner Stimme ohne Timbre, was  ich auch sehr typisch finde bei dem Krankheitsbild), dass es ihr heute eigentlich ganz gut würde. Das bringt sie aber nicht rüber. Sowas wird man als klinischer Psychologe im Befundbericht später als „affektverflacht“ eintragen.

Frau T. geht mit dem Therapeuten ihre Diary Card durch, eine Art Tagebuch mit Vordruck, die sie von den Ärzten bekam. Täglich muss sie ankreuzen, wie lange der Schlaf, wie hoch die Suizidgedanken, wie viele Mahlzeiten sie eingenommen hat. Daraus geht auch hervor, dass sie erneut von ihren Therapiegruppen ferngeblieben ist. Es sei zu viel Angst aufgekommen und sie hätte sich nicht motivieren können. Ich nehme ein bisschen Genervtheit beim Therapeuten wahr. Offenbar haben sie schon oft Situationsanalysen mit konkreter Hilfestellung besprochen, die die Patientin aber nicht umgesetzt hat. Auch das ist typisch bei dieser Depressionen: Fehlender Glaube, die Zukunft irgendwie positiv beeinflussen zu können. Das Schlimme ist auch: Man hält dieser Düsternis für die Realität. Häufig ist die Aussage: „Das bringt ja eh nichts.“

Auch diese Patientin spricht ein heikles Thema an: Sie habe gehört, dass man im Team schon Witze über sie reiße. Natürlich beschwichtigt der Therapeut hier, aber es scheint mit schon zu stimmen. Wo immer man ihren Namen anspricht im Haus, überall werden die Augen über sie gerollt. Ich verstehe das weniger – sicher, einerseits ist die Reaktion authentisch, andererseits ist Ablehnung und Genervtheit bei Depressiven immer Gift und wird sie wohl kaum motivieren. Dass auch Depressive lernen müssen, dass sie bei anderen aufgrund ihres (beinflussbaren) Verhaltens unter anderem zwischenmenschliche Probleme bekommen, mag ja stimmen – aber dafür würde ich eher Phasen wählen, wo der Patient viel stabiler ist.

Meinem Verständnis entzieht sich aber, warum alle diesem Fall so abgeneigt sind. Ich finde ihn unheimlich interessant. Das Leid der Patientin ist nachvollziehbar. Klar, ihre Sorgen entsprechen nicht der objektiven Realität - aber andererseits empfindet sie es eben so und leidet darunter. 

Während ich im Raum sitze und zuhöre, spüre ich fast körperlich diese unfassbare Schwere, die von der Patientin ausgeht. Wie ein schwarzes Loch, das die Raumzeit anders dehnt als alle anderen Objekte im Raum. Das erzeugt eine unangenehme Stimmung. Ein wenig, als würde man einer Beerdigung beiwohnen. Sie berichtet vergleichsweise offen, was sie quält. So viel Hoffnungslosigkeit, Befürchtungen, Ängste und das Gefühl, dass die Zukunft gar nichts für sie bereit hält (nichts Positives jedenfalls). Sie kämpfe den ganzen Tag gegen den Drang, sich im Bett zu verkriechen. Zuhause tut sie das auch, manchmal tagelang. Schuldgefühle plagen sie bis in den kleinsten Lebensbereich. Dann folgt eine Abhandlung über die Überzeugung, für andere eine Last zu sein und die macht mich beim Zuhören traurig. Es ist bedauerlich, dass ein so junger Mensch so denkt.

Mich lässt dieser Fall jedenfalls nicht los. Jeden Abend krame ich noch ein wenig in den sehr guten Studienbriefen meiner Hochschule (die sind ja von Hogrefe) und bestelle etwas über Major Depressions. Wir hatten auch sehr gute Vorlesungen zu diesem Fall, so dass ich weiß, wo ich suchen muss.
Ich frage mich, wie es sein muss, so am Leben zu leiden. Und stelle mir vor, dass man sich vielleicht fühlt wie jemand, der durch die Dunkelheit des Weltalls schwebt. Kein Licht zu sehen. Völlig orientierungslos. Alles eher bedrohlich. Man könnte sich bewegen und kämpfen, um seine Richtung zu beeinflussen, aber es wäre sehr schwer. Erst recht würde man die Kraft nicht aufbringen, wieder auf einem Planeten zu landen und dort Fuß zu fassen. Warum auch? Man weiß ja nicht, ob es gut sein würde dort. Und in seiner Zeit im leeren All hat man vielleicht verlernt, mit den Bewohnern zu kommunizieren.

In diesem Bild überlege ich mir, welchen Mehrwert ich da als kleiner Praktikant noch liefern kann.
Oberarzt: Hat medikamentös schon alles ausprobiert. Ist genervt, weil langsam zu viele teure Medikamente bestellt werden müssen.
Stationsarzt: Häufig zufällig nicht anwesend, wenn sie bei ihm klopft. Komplett ratlos.
Chefarzt: Verliert die Geduld mit ihr. Will ein neues Bett.
Ihr PiA-Therapeut: Genervt, hat alles ausprobiert, sie macht aus seiner Sicht nichts mit, das gilt als „nicht änderungsmotiviert“.
Ergotherapeutin, Sporttherapeutin, Krankenschwester, Koch: Alle verdrehen die Augen.
Allein bin ich  deutlich älter als viele Jung-Therapeuten und der übliche Praktikant. Kann ich mir dadurch mehr Geduld abringen? Und was mache ich damit?

Wenn ich also so jemand wäre, der in der Dunkelheit schwebt, was bräuchte ich, um mich auf dem Planeten wieder zu erden? Und den Aufwand zu betreiben, dort zu landen?
Vielleicht eine Art Guide. Einen Vermittler zwischen den beiden „Biotopen“. Sicher aber keinen, der mir Vorwürfe macht. Und auch keinen mehr, der mir sagt – direkt oder indirekt – dass ich mit meiner Depression nicht okay bin.
Und auch dass das All, die Dunkelheit, nunmal existiert, das muss man akzeptieren.
Aber vielleicht kann man dann ebenfalls akzeptieren, dass es außerhalb des Planeten existiert und weil es da ist, das Leben auf dem Planeten nicht direkt beeinflusst. 

Da kommt mir die Idee der therapeutischen Spaziergänge. Der PiA-Therapeut ist nun auch langsam genervt von mir, aber hält es für eine gute Idee. Die Gespräche bringen ja eh nichts. Er hat keine Zeit, also kann ich mit ihr gehen. Und das machen wir die nächsten 4 Wochen. Immer eine ganze Stunde. Wir brauchen lange, da sie sehr langsam geht. Was mir auffällt, ist dass sie die Dinge um sich herum nie so betrachtet. Also lenke ich die Aufmerksamkeit dahin. Auf simple Dinge, wie Blätter, Blütenformen, Hunde, Spaziergänger, Geschäfte, Schaufenster. Immer wieder frage ich sie nach ihrer Meinung, um sie ins „Diesseits“ zu holen. Anfangs ist es nicht leicht, weil sie sehr in ihrer Welt ist. Wie sie sich bewegt und wie sie so in ihren dunklen Gedanken versunken ist, erinnert sie mich an einen Kriegsheimkehrer, der unglaubliche Dinge gesehen hat. Es fällt auch anderen Leuten auf.

Und doch fällt mir ein wesentlicher Punkt auf, den alle anderen nicht berücksichtigen: Bei ihr darf nichts sein, wie es ist. Von allen Seiten gibt es Aufträge und Erwartungen. Die weiteren Qualitäten dieses Menschen mit Depressionen scheinen niemanden zu interessieren.
Also lasse ich das Psycho-Gebabbel. Ich bringe sie stattdessen dazu, mir Dinge zu erklären, die sie gut kann (und natürlich nicht wertschätzt). Ich lobe sie nicht - weil sie kein Hund ist. Stattdessen erkläre ich, dass ich das demnächst mal so umsetzen will, wie sie es empfiehlt.

Ich frage mich, ob das Bild mit dem Weltall vielleicht nicht so gut passt. Vielleicht ist so eine schwere Depression eher eine Mauer, die jeden Morgen droht, auf einen zu fallen. Um nicht erschlagen zu werden, muss der Erkrankte seine ganze Kraft dagegen stemmen. Links und rechts von ihm sind allerdings so viele Leute, die noch etwas von einem wollen: Medikamente, Arbeit, „Lach doch mal!“, „Du musst dies, das…du darfst nicht…du machst nicht…“ etc. Dabei geht’s nicht darum, die Mauer zu sprengen und abzubauen. Sondern mehr darum, sie zu stemmen. Entweder, indem man helfende Arme anbietet. Oder Ideen, die Mauer zum Stehen zu bringen. Auch mit einer Mauer kann man im Leben teilnehmen.
 

In den nächsten Wochen freuen wir uns beide auf die Spaziergänge. In der Klinik ist das bald ein Running Gag. Frau T. kauft sich sogar neue Schuhe, die längeres Wandern zulassen. Ihre Depression ist natürlich immer noch da. Unter anderem.
Ihr PiA-Therapeut zieht irgendwann Bilanz beim Chefarzt und seinem Supervisor. Er lobt dort die Entwicklungen seit der Spaziergänge. Die Patienten spreche nun mehr und gehe immerhin schon wieder zu den Gruppen.


Doch dann ist Schluss. Der Chefarzt, der sie nicht mal mehr in den Visiten empfängt, schmeißt sie raus. Besser gesagt: Überweist sie in einer Klinik, in der sie sich einer Elektrokrampftherapie unterziehen soll. Die ist am anderen Ende des Landes. Vielleicht bringt das ja noch was, stellt er schulterzuckend fest. Den PiA-Therapeuten hört er gar nicht erst an dazu. Keiner im Kollegium versteht es, auch die Sonst-so-Genervten nicht.

Für die Patientin ist es die ultimative Ablehnung. 5 Wochen hätten sie noch gehabt hier. Nun muss sie gehen. Und das schon recht schnell. In nur 3 Tagen muss sie gehen.
Ich finde es höchst bedauerlich. Den Chefarzt interessiert aber nicht, was die Praktikantin zu sagen hat, das hatte ich mir vorab schon gedacht. Dass er sie jetzt kickt, wo sich ihre Lage wieder entspannt und sie auch wieder mehr teilnimmt: Bedauerlich. 
Dass es nur "eine gute Phase" ist, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen.
Dennoch wird es beschlossen, nicht mit ihr abgeklärt. 
Sie schreibt damals fleißig Briefe an alle, bei denen sie sich bedanken will. Auch an mich. Ich habe ihn sogar immer noch.

Trotz des Ausgangs bin ich vergleichsweise froh über die Erfahrung. Heute immer noch sozusagen mein innerer Präzedenzfall im Umgang mit Depressiven.  :-)
 

______________

* Dies ist eine kleine Serie über meine Ersterfahrung mit gewissen Störungsbildern aus meiner Klinikzeit, über die ich damals nicht so gerne sprechen wollte. Es sind Störungsbilder und Situationen, die viele beim Wunsch, Psycholog:in bzw. Therapeut:in zu werden, nicht so auf dem Schirm haben. Wenn du Psycholog:in werden willst, denk dran, dass du auch mal damit konfrontiert wirst und mit Patient:innen, die man nicht immer ,,heilen“ kann. Heilung ist auch nicht immer das Ziel.  In regelmäßigen Abständen stelle ich euch meine Ersterfahrung mit Störungsbildern vor. Dabei beziehe ich auch mit ein, wie mir das (Fern)studium half. Die Patienten sind dabei oft ein Konglomerat aus verschiedenen Patienten.

Bleibt gesund und haltet zusammen 
😊.

LG

FEature Foto: Andrea Piacuquadio/pexels.de

Bearbeitet von Vica

1 Kommentar


Empfohlene Kommentare

Erstelle ein Benutzerkonto oder melde Dich an, um zu kommentieren

Du musst ein Benutzerkonto haben, um einen Kommentar verfassen zu können

Benutzerkonto erstellen

Neues Benutzerkonto für unsere Community erstellen. Es ist einfach!

Neues Benutzerkonto erstellen

Anmelden

Du hast bereits ein Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

Jetzt anmelden



×
  • Neu erstellen...