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Nachtschichten


Vica

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Bisher habe ich so einige Fragen zu meiner Ausbildung bekommen. Eine war erstaunlich häufig dabei, und ich weiß, dass andere PiA-Kollegen von mir das auch gefragt werden: Macht man als Psychotherapeut in Ausbildung eigentlich Nachtschichten? :11_blush:  Tatsächlich ist das (neben dem Kostenfaktor) meinem Empfinden nach etwas, was viele vor der Ausbildung mit am meisten abzuschrecken scheint. 

Kurzum: Ja, Nachtschichten mache ich auch! 
Ich finde es generell im klinischen Umfeld (egal ob Arzt, Pfleger, Rettungskräfte etc.) schwierig bis unmöglich, sich Spät- und Nachtschichten zu entziehen.  Tatsächlich sollte man die Bereitschaft dazu in die Ausbildung mitnehmen. Das hat man mit dem einfachen Umstand zu tun, dass Erkrankungen, Notfälle oder psychische Störungen nachts nicht einfach Feierabend machen und erst zum Weckerklingeln wieder auftauchen. In der Psychiatrie ist gerade die Nacht für viele Patienten eine sehr schwierige Zeit. Manche Störungen bringen zudem schon naturgemäß ein Abendtief oder Schlafstörungen mit sich. 


In jeder Klinik sieht die Gestaltung des Spätdienstes anders aus. Aber im Wesentlichen beginnt die Spätschicht um 20 Uhr (da ist man allerdings schon vorher wegen Bürokrams) und geht offiziell bis 7 Uhr; allerdings muss man noch unbedingt das Übergabeprotokoll für die Frühschicht schreiben, da geht einige Zeit mit drauf. 

In der Nacht unterscheiden sich die Aufgaben nicht wesentlich von denen des Tages; nur, dass wesentlich weniger Personal anwesend ist. Bloß dieser etwas "ungewöhnliche" Umstand, dass man zu einer echt seltsamen Zeit arbeitet, wenn man eigentlich längst im Land der Träume ist :) Das hat auch ein bisschen was Magisches an sich, in etwa, wie nachts in der Schule zu sein (Hattet ihr früher auch diese eine Schul-Übernachtung?)
Ab 20 Uhr sind Spätkontakte möglich, späte Einzeltherapien oder man schaut mit Patienten, ob sie wirklich alle Medikamente erhalten haben (falls nicht, gehts direkt zum Stationsarzt). Die Patienten dürfen sich nachts frei bewegen; es gibt keinen Zapfenstreich oder so; sie können also auch z.B. in den Fitnessraum gehen. Manche brauchen das, um zur Ruhe zu kommen. Beliebt ist es aber nicht, da eine geregelte Tagesstruktur angestrebt ist und dazu gehört auch ausreichend Schlaf (manche Leute sind aber nun einmal nachtaktiv).  Sie dürfen nachts auch in die Grünanlagen. Die Klinik verlassen sollen sie natürlich nicht, weil dann der Versicherungsschutz erlischt. Die Spätkontakte gehen bis 22 Uhr, danach ist normalerweise Schlafenszeit "vorgesehen". Bevor das passiert, dreht man nochmal seine Runden auf den Stationen und klärt ab, ob die letztes Medis genommen wurden. 
Zwischendrin kann immer ein Notfall reinkommt, bspw. ein Patient dissoziiert, dann würde ein Pfleger bei mir durchklingeln. Aber auch Patienten können sich einen Therapeuten aufs Zimmer bestellen, wenn sie merken, dass z.b. die Suizidalität ansteigt oder das Grübeln sie vom Schlafen abhält. 

Ab 0:30 wird es eher ruhig, vielleicht 2-3 mal die Stunde ist man beschäftigt, dazwischen Büroarbeit (Krankenkassenanträge usw.). Schlafpause ist von 4 bis 6:30 Uhr vorgesehen, wobei manche sich schon um ab 2 hinlegen. Dazu hat man ein Räumchen mit Schreibtisch, Fernseher und Bett. Von dort aus habe ich auch schon mit Mann und Kids geskyped, bevor Letztere ins Bett gingen (die finden sowas ziemlich cool. Dazu mal ein eigener Beitrag). 

Um 7 schreibe ich das Nachtdienstprotokoll, was so die Nacht über passiert ist (Dauerbrenner bei den Praktikanten) und übergibt dann die Schicht in den Frühdienst. Wenn man früh raus kommt, ist noch Zeit, die Kiddies in Schule bzw. Kindergarten zu bringen, obwohl das in dieser Zeit mein Mann macht. 

Ich bin kein Nachtmensch, habe nie die Nacht zum Tage gemacht und muss nach der Tagesschau um 20 Uhr echt kämpfen; "Nachtschichten" habe ich nur bei der Masterarbeit oder anderen wichtigen Arbeiten oder Prüfungsphasen eingelegt und sie eher schlecht verdaut :D Allerdings hatte ich mit dieser aktiven Nachtschicht keine Energie-Probleme. 

 

Man könnte nun annehmen, Nachtschichten seien unbeliebt. In der Realität muss man sich anstrengen, eine zu bekommen. Sie sind nämlich außerordentlich beliebt. Je nachdem, wie lange man sie absolviert hat, hat man danach mindestens 24 Stunden frei. Außerdem darf man nur maximal 3 im Monat machen (bei uns). Dazu kommt es aber fast nie - ich kenne keinen, dem das bisher gelungen ist. 
Insgesamt kann man dazu sagen, dass sie weniger schlimm sind, als man sich das im ersten Moment vielleicht vorstellt (gerade wenn man ein ziemlicher 9-to-5-Strukurmensch ist, wie ich). 

 

Nachtschichten sind also nichts, was einen von der Ausbildung abschrecken muss. :smile: Stattdessen ist es mal wieder etwas, was man als spannende Herausforderung und Erfahrung betrachten kann und sollte. Wer im klinischen Umfeld bleiben will, muss sich an Nachtschichten gewöhnen. Wer sich hingegen niederlassen will, hat mit Spätdiensten natürlich nichts zu tun.  

In diesem Sinne: Carpe noctem und bleibt gesund! 

LG 

Feature-Foto: JV_Buenconcejo/pexels.com 

Bearbeitet von Vica

2 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Es ist spannend, wie das bei euch organisiert ist. Manches würde ich mir tatsächlich auch in der mich betreuenden Klinik wünschen. Denn das ist kein  Psychologe (außer sie gehören zum ärztlichen Personal) im Nachtdienst anwesend. Was Nächte bei K-PTBS mit Dissoziationen bedeuten, kann man oft nur verstehen, wenn man diese Menschen auch zu diesen Zeiten erlebt.

 

Ich finde deinen Einblick spannend und für mich hat dein Blog etwas sehr heilsames. Denn Klinik ist bei mir absolut angstbehaftet, auch nach positiven Erfahrungen und meinen eigenen Einsätzen während meiner damaligen Pflegeausbildung. Und so paradox das klingt, das eben gerade wegen der Nächte.... Danke für deinen Blog. Und sorry, dass mein Kommentar persönlicher geworde  ist, als ursprünglich vorgesehen.

Bearbeitet von polli_on_the_go
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18 Jahre Schichtdienst haben bei mir Spuren hinterlassen, aber den Nachtdienst vermisse ich. 😉

Du hast das mit der Magie ziemlich schön und treffend  auf den Punkt gebracht! Ich finde, man bekommt auch einen umfassenderen Eindruck vom Patienten, wenn man ihn auch nachts erlebt.

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