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Weiterbildungsmüdigkeit


Vica

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Seit April hatte ich nun jedes Wochenende Seminar. Es war absehbar, dass diese Nadelöhr-Phase kommt. Und doch fiel sie mir mal weniger, mal mehr schwer, überwiegend letzteres 🤪 Zwar sind die Themen immer extrem spannend und interessant. Dennoch gab es zuletzt Schwierigkeiten mit so einer Seminarfülle bei mir. Selbst wenn ich irgendwie die mentale Power aufbringe, das durchzuziehen und aktiv mitzuarbeiten, bekomme ich ein Problem mit der Filterung der Informationen. Es blieben weniger Eindrücke und Informationen hängen, als wenn etwas Abstand zwischen den Seminaren lag. 

Dieses Nadelöhr konnte entstehen, weil im Augenblick auch viele KJP-Seminare sind, die sich zwischen meine Erwachsenen-Seminare gequetscht haben. Mein Gedanke ist auch stets: "Mehr Gas geben und die Fortbildungspunkte zusammenkriegen, um schneller zu approbieren = hinten raus mehr Zeit.
Bis 2023 muss ich Seminare absolvieren. Je früher man alle absolviert hat, desto mehr Freizeit hat man später zwischen letztem Seminar und Examen. 80% sind bereits geschafft! 

Tja. Aber ich merke so langsam auch, wie sich so eine gewisse Müdigkeit beim theoretischen Lernen einstellt. Ich bin fast ununterbrochen seit 2012 in der Weiterbildung. So langsam sehnt man sich danach, nach dem Feierabend einfach die freie Zeit zu genießen. Und auch die freien Wochenenden. Urlaub planen, ohne auf Seminatermine Rücksicht nehmen zu müssen.  Ich komme auch nicht umhin zu denken: "Ist gut jetzt, ich wende schon alles in der Klinik an. Wenn ich noch was wissen will, dann kann ich es auch einfach selbst nachlesen." 

Ich merke interessanterweise bei Entspannungsübungen - Yoga- oder Meditationsversuche - wie müde und verkrampft ich mittlerweile bin. Und zudem sprechen mich Leute sogar schon von außen an, ob ich nicht ein bisschen viel mache momentan. Dazu gehören z.B. der Oberarzt, meine Supervisorin, der leitende Psychologe und nun sogar das Institut. Diese Entwicklung gefällt mir nicht. Und: Es wichtig, das sehr ernst zu nehmen und hier was zu ändern.  

Was kann man konkret machen?
Mein erster Anlaufpunkt ist immer, mit anderen drüber zu reden. Nicht nur Familie und Supervisoren, auch aktiv auf Kursteilnehmer zugehen. Es geht vielen tatsächlich auch so. Insbesondere den Eltern im Kurs. Aber auch die ungebundenen Singles ächzen. Daraus kann man Schlüsse ziehen. Man muss auch mal das Unangenehme beim Namen nennen: Steuert man auf einen Burnout zu? 

Mein zweiter Anlaufpunkt war, mal meinen Präsentismus genauer unter die Lupe zu nehmen. Woher kam nochmal der Anspruch, immer und überall dabei sein zu müssen? Steckt da am Ende ein Fear-of-Missing-Out dahinter? Was soll der Perfektionismus - wie sympathisch sind mir denn bisher selbst perfekte Leute? Was hindert mich denn daran, ein Seminar mal zu einem späteren Zeitpunkt zu verschieben, machen andere ja auch. Ja, man muss um etwas bitten - wirklich so schlimm? Es ist ganz interessant, sich solchen Fragen mal zu stellen, egal wie unbequem sie erscheinen mögen.  

Ein sehr wichtiger Punkt war, sich zu fragen, was alles angenehme Aktivitäten sind. Bei mir ist das die Family Zeit, die zu 1000% Kraftspender ist, kleine Dinge wie an freien Tagen irgendwo im Straßencafé Cappuccino trinken, Lieblingsserien schauen, gärtnern etc. :-) 
Die Family litt zuletzt nicht unter den Seminaren, weil wir seeeeehr ausgeprägte Familien-Sonntage und Samstag-Abende machen und unter der Woche nach Feierabend genug Zeit bleibt. Trotzdem würde es mir persönlich besser gefallen, wenn man schon unter der Woche weiß, dass man sich auf ein Familien-Wochenende freuen kann, anstatt erst ein Seminar absolvieren zu müssen. Das hilft doch auch anderen, wenn ich entspannter zur Arbeit gehe. 

Und natürlich muss man Nägel mit Köpfen machen. In nächster Zeit stehen viele Feiern bei den Kindern an: Musikaufführung, Ballett, die Schul-AG stellt sich vor, Kita-Kaffee-und-Kuchen-Nachmittag, Kids-Geburtstage...
Es bedurfte gar keiner Überlegung, dass ich die Seminare, die da drauflagen, natürlich absage. Und so war der Anfang gemacht! Also habe ich sämtliche Seminare auf Herbst und Winter verschoben (dann als Gasthörer). 
Das Gute ist, dass dann auch überwiegend wieder Online-Varianten stattfinden. Und schön entzerrt. 

Einige Kursteilnehmer haben mitgezogen. Sie empfanden das so, dass unsere Diskussion darum das Gewinnbringendste in der letzten Zeit war. Und so kam es, dass im letzten Seminar tatsächlich nur noch 9 Leute saßen, statt 22. 😄 Alle anderen haben sich in eine Sommerpause zurückgezogen.

Fazit:
Ich hoffe, der Beitrag macht auch ein paar Fernstudis Mut, die ebenfalls dazu neigen, sich konstant zu überarbeiten. Man studiert und arbeitet ja nicht deswegen, um später teure Burnout-Therapien zu bezahlen 🤪


Bleibt gesund & haltet zusammen


Feature Foto: Tara_Winstead/pexels.com 
 

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9 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Muddlehead

Geschrieben

Kann nicht auch die These sein, dass man sich schlicht an das Pensum gewöhnt und die "Hirnleistung" steigert mit der konstanten Weiterbildung? :-D Mal von Quality-Time abgesehen, ist rumsitzen und nix tun auch Zeitverschwendung?

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Vica

Geschrieben (bearbeitet)

vor 48 Minuten schrieb Muddlehead:

Kann nicht auch die These sein, dass man sich schlicht an das Pensum gewöhnt und die "Hirnleistung" steigert mit der konstanten Weiterbildung? :-D Mal von Quality-Time abgesehen, ist rumsitzen und nix tun auch Zeitverschwendung?


Das habe ich nach 10 Jahren Fortbildung noch nie festgestellt :-). Bei Dauerstress ist das Gehirn auch nicht wirklich aufnahmefähiger, eher umgekehrt. Vielleicht habe ich ja das falsche Gehirn :13_upside_down:

Aber im Ernst: Wenn das Zeitverschwendung ist, warum ist dann da der Anspruch, dass man jeden Aspekt der Zeit effizient nutzen muss? Was ist schlimm am Nichtstun und warum soll das negativ sein? Kann man sich ja auch fragen :wink:

Bearbeitet von Vica
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Alanna

Geschrieben

vor 13 Minuten schrieb Vica:

warum ist dann da der Anspruch, dass man jeden Aspekt der Zeit effizient nutzen muss?

 

Also bei mir löst schon allein dieser Anspruch ein dezentes Stressempfinden aus...

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Alanna

Geschrieben

vor 1 Minute schrieb psycCGN:

Und John Eastwood, Professor für Psychologie, scheint Langeweile für nützlich zu halten, da sie uns dazu bringen kann, kreativ zu denken.

 

Das kann ich mir gut vorstellen. Bei mir springt die "häusliche Kreativität" (Deko basteln, ein Fotobuch gestalten, Tagebuch schreiben o. ä.) nur an, wenn ausreichend unverplante Zeit vorhanden ist. Heißt im Umkehrschluss: Wenn ich über Wochen keine Lust und Ideen habe, mich irgendwie kreativ zu betätigen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich zu viel auf dem Plan habe und einen Gang runterfahren sollte.

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Silberpfeil

Geschrieben

Man studiert und arbeitet ja nicht deswegen, um später teure Burnout-Therapien zu bezahlen 

 

Ich finde, dieser Satz ist es wert, fett gedruckt und unterstrichen zu werden. Das umzusetzen ist ungleich schwerer. 

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Muddlehead

Geschrieben

vor 14 Minuten schrieb Silberpfeil:

Man studiert und arbeitet ja nicht deswegen, um später teure Burnout-Therapien zu bezahlen 

 

Solange die Differenz immer noch positiv ist, wieso nicht? ;-)

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TomSon

Geschrieben

vor 7 Minuten schrieb Muddlehead:

Solange die Differenz immer noch positiv ist, wieso nicht? ;-)

 

Du meinst, wer sich's leisten kann, soll einfach mal gegen die Wand fahren? Aus meiner Erfahrung birgt dieses Gegen die Wand fahren aber die Gefahr, dass Folgeschäden zurückbleiben, die auch mit viel Geld und Therapie nicht mehr zu beseitigen sind. Aber wer braucht schon Lebensqualität, wenn die Kohle stimmt, oder? 😉

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Muddlehead

Geschrieben

Hatte den Sarkasmus-Marker vergessen, dachte das Zwinkern reicht ;) ;) .

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