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Erstkontakt: Schlafparalyse


Vica

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*Herr S. ist brutal übermüdet, als er im Stuhl auf meinem Büro landet.  Man sieht es an den stark geröteten Augen, aber er ist auch motorisch unruhig, rutscht nervös im Stuhl hin und her, guckt sich immer wieder um und schielt misstrauisch zum Signalblinklicht des Rauchmelders. Mit Anfang 60 ist er ein relativ später Neu-Alkoholiker, zumindest für unsere Station, auf der viele in seinem Alter schon vor dem 15.Lebensjahr abhängig waren. 

Seit ca. 6 Monaten hat er aber angefangen, von 0 auf 100 sehr große Mengen zu konsumieren. Das spricht meistens für einschneidende Erlebnisse, die man versucht, mit Alkohol zu kompensieren
Seine Lebensumstände sprechen erstmal dagegen: Gut situiert, Unternehmer, Autos, Haus, Frau, keine Schulden, Kinder, Enkel. Eine absolute Ausnahme hier auf Station (die Pflege rät ihm schon, das besser nicht an die große Glocke zu hängen). 
Wie er hierherkam? Er hat keinen blassen Schimmer.
Er erinnert sich nur noch daran, dass seine Frau ihn gebeten hatte, den Tisch zu decken. Das gute Porzellan. Das habe er dann auch gemacht.
Gedeckt hat er tatsächlich. Nur nicht zu Hause, sondern auf der Autobahn. Mitten in der Nacht. Mit imaginärem Geschirr und auch Gästen. Dass man da unbeschadet rauskommt, dazu brauch man dann eine ganze Armee von Schutzengeln.
Die Story kann er nicht glauben. Aber was will man erwarten bei um die 4 Promille?

Warum er neuerdings so viel trinkt? Zunächst druckst er ein wenig herum und verkauft Ausreden von wegen Stress usw. Erst als er merkt, dass ich interessiert zuhöre und nicht wertend bin, rückt er etwas näher und senkt geheimnisvoll die Stimme. Ich frage mich schon, was da wohl gleich kommt. 
,,Ich werde von einem Dämon verfolgt! Er kommt jede Nacht und es gibt kein Entkommen! Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll!"
Geistesgegenwärtig nicke ich das ab und schiele nochmal in die Akte. "Fühlt sich von Monstern verfolgt" hat der Oberarzt da tatsächlich vermerkt. Von wahnhafter Psychose oder Schizophrenie steht da aber nicht - demnach soll ich das auch nicht explorieren. 
Ich merke aber, dass es ihm unangenehm ist, darüber zu reden. Er habe es noch keinem gesagt, außer dem Oberarzt und jetzt mir. Seine Frau wisse es nicht und das solle auch erstmal so bleiben. Sie denkt, dass er eben manchmal Albträume hat. Aber so langsam nimmt er an, dass das nicht einfach ein Traum sei, denn er sei definitiv hellwach nachts. 
,,Seit wann sehen Sie den Dämon?" frage ich. 
Schon ein halbes Jahr sei das so und fast jede Nacht, mindestens aber 4x in der Woche.  Er kommt ausschließlich nachts. Aber die Angst vor der Nacht hat auch den Tag komplett eingenommen. Vor allem, wenn es auf den Nachmittag zugeht, sei er oft schon voller Furcht. Nur mit Alkohol gelinge es ihm, die Ängste kurzzeitig zu lösen. 
Wenn es geht, wolle er gar nicht mehr schlafen. In manchen Nächten versuche er, sich wachzuhalten. Das erklärt auch die Übermüdung. 

Ich bitte ihn, mal eine typische Nacht mit dem Dämon zu schildern. Was er erzählt, klingt ziemlich scary:
Er schlafe immer ganz normal ein, damit habe er gar keine Probleme. Irgendwann in der Nacht gehen seine Augen auf. Er kann alles sehen und ist seinem Empfinden nach wach. Das Seltsame ist: Er kann sich nicht bewegen. Sein ganzer Körper sei wie gelähmt. Er ist sich sicher, dass der Dämon ihn irgendwie verhext, damit er nicht weglaufen kann. 
Dann kommt der Dämon durch die Tür. Er sei extrem hässlich, käme in Kutte und hätte verbrannte Haut. Herr S. wünscht sich, er könnte wenigstens den Blick abwenden. Aber das geht nicht. Er will schreien und sich bewegen, aber er hat keine Kontrolle über seinen Körper. Der Dämon käme immer näher und würde anfangen, ihn zu würgen. Herr S. bekommt keine Luft, Todesängste überkommen ihn. Er nimmt alles sehr genau wahr, die kalte Hand der Gestalt und den Schmerz des Würgens, sogar riechen kann er den Dämon. An Ammoniak würde der Geruch erinnern. Irgendwann ist der Spuk vorbei und er sitzt wach im Bett. Schweißgebadet. Manchmal ist es so arg, dass er aus dem Bett fällt. 

Ich klopfe mal ein wenig seinen Medienkonsum ab: Horrorfilme schaut er nicht, er hätte früher mal Stephen King gelesen, aber nur die, in denen keine Aliens etc. vorkommen. Religiös ist er nicht, auch keine esoterischen Interessen, das sei "alles Unsinn", findet er. Definitiv sei das kein Albtraum, meint er, alles sei real, obwohl Schlafwandeln in der Familienanamnese auch angegeben wird. Was ihn selbst irritiert: Es ist halt immer derselbe Dämon. Bei Albträumen müsste es doch immer was anderes sein - das spricht doch dafür, dass irgendwas Übernatürliches hier passiert. 
,,Nicht unbedingt", meine ich. Und erkläre ihm ein wenig augenzwinkernd: Gerade wenn er nicht viele Horrorfilme schaut, vielleicht hat sein Gehirn dann ja nicht viele Modelle dafür, wie ein Dämon aussieht. 
Das macht Sinn für ihn. 
Trotzdem leidet er einfach immens darunter, immer wieder dieses Viech zu sehen. Dass es nicht real ist, das kann er annehmen. Aber das macht  es erstmal nicht besser. 

Anfangs glaube ich immer noch an die Psychose. Das Thema Schlafstörungen hatte ich schon im (Fern)Studium und auch in den Seminaren. Aber die Tatsache der Lähmung irritiert mich. Das weicht deutlich ab. 
In der Pause rufe ich mal auf der Neurologie an, denn ich habe dort einen Kumpel, der auch Neurologe ist. Er bringt mich zunächst auf den Begriff Narkolepsie und auch KataplexieAber im Bezug auf den Nachtschlaf ist er sich sicher, dass es eines ist: 
Schlafparalyse. 
Bzw.: Schlaflähmung oder Schlafstarre. REM-Atonie. 

Er erklärt: ,,Die Lähmung macht Sinn, damit wir bei Träumen nicht tatsächlich aufstehen und wegrennen. Manchmal passiert es aber, dass der Patient den Wachheitszustand erreicht und die Lähmung noch da ist. Das Bewusstsein ist voll da, nur der Körper ist bewegungsunfähig."
Er plaudert weiter aus dem Nähkästchen, dass sehr viele Patienten das Gefühl hätten, nicht atmen zu können, obwohl das nicht stimmt. Für sie fühlt es sich aber real an. Sie erleben es so, als würden sie dann ersticken. Sie "träumten" dann, dass sie von jemandem erwürgt werden, aber auch: zu ertrinken, verschüttet zu werden, ins Weltall gesaugt zu werden und dort ohne Raumanzug herumzuschweben etc. Und: Sehr viele Patienten sehen Gestalten. Horrorfiguren, Gespenster, Einbrecher. Halluzinationen, optisch wie akustisch, sind sehr oft. Sie scheinen so eine Mixtur aus der Traumwelt und der sich einstellenden Panik zu sein. 

In diesem Zuge hatte sich bei Herrn S. eine Angst- und Panikstörung entwickelt, die dann aber nicht so codiert wird: Denn es gibt ja einen realen Grund für die Sorge, etwa dieser Zustand. Glücklicherweise leiht uns die Neurologie den Kumpel aus und es ist möglich, mit Herrn S. eine Diagnose zu erstellen. 

Das Ganze erleichtert Herrn S. sichtlich. Dass das auch anderen so geht. Er bekommt wichtige Tipps: Etwa sein Übergewicht abzubauen und - sofern möglich - auf gar keinen Fall auf dem Rücken zu schlafen (dafür gibt es spezielle Kissen). 

Zu mir kamt Herr S. noch, weil wir den Alkoholkonsum als Lösung abbauen mussten. Außerdem überlegen wir, wie wir mit dieser Gestalt umgehen. Das mache ich ähnlich mit ihm, wie ich es auch später in der KJP machen werde:;
- Wer ist die Gestalt eigentlich? Wer könnte das sein? Er darf seine Fantasie spielen lassen (wir kommen drauf, dass das ja eine ganz arme Socke sein muss. Einfach so nachts bei anderen Leuten einzudringen und diese zu würgen)
- Die Gestalt bekommt einen Namen, möglichst was ziemlich, naja, menschliches: Bertha, Günther, etc. 
- Warum fürchtet man sie eigentlich? Kann man auf die nicht auch wütend reagieren? Denn immerhin dringt die ja in Ihr Haus ein etc.
- Ein alter Trick ist auch, sich solche Viecher in alberner Unterwäsche vorzustellen. 
- Außerdem kann man versuchen, währenddessen durchaus auch an schöne oder alltägliche Dinge zu denken, sich an Vokabeln zu erinnern, kleine Rechenaufgaben zu machen, um die Panik zu durchbrechen. 

Jahre später habe ich übrigens recht viele Patienten, die Schlafparalyse angeben. Vor allem in der KJP kommt das  Thema sehr oft vor. Bei manchen ist es auch ein einmaliges Erlebnis, nicht jeder hat sie regelmäßig. Auch viele meiner Bekannten und Verwandten geben an, dass sie dieses Phänomen schon hatten und es sich extrem belastend für sie anfühlt. 

Ein Tipp vom Neurologen: Der kleine Finger oder Zeh, manchmal auch die ganze Hand oder Fuß, kann man während der Paralyse oft bewegen. Durch das Bewegen erwacht der Körper dann komplett. 

 

Ich empfinde die Schlafparalyse ehrlich gesagt noch heute als ziemlich heftige Angelegenheit. Definitiv ernst zu nehmen und abzugrenzen von einfachen Albträumen, Schlafwandelei etc. 

Bleibst gesund und haltet zusammen,
LG

Feature Foto: Elina_Araja/pexel 

_________
*Dies ist eine kleine Serie über meine Ersterfahrung mit gewissen Störungsbildern aus meiner Klinikzeit, über die ich damals nicht so gerne sprechen wollte. Es sind Störungsbilder und Situationen, die viele beim Wunsch, Psycholog:in bzw. Therapeut:in zu werden, nicht so auf dem Schirm haben. Wenn du Psycholog:in werden willst, denk dran, dass du auch mal damit konfrontiert wirst und mit Patient:innen, die man nicht immer ,,heilen“ kann. Heilung ist auch nicht immer das Ziel. In regelmäßigen Abständen stelle ich euch meine Ersterfahrung mit Störungsbildern vor. Dabei beziehe ich auch mit ein, wie mir das (Fern)studium half. Die Patienten sind dabei oft ein Konglomerat aus verschiedenen Patienten.
 

Bearbeitet von Vica

7 Kommentare


Empfohlene Kommentare

Ich lebe leider genau damit. Es ist wirklich quälend besonders wenn es sich mit Traumata mischt und alles hyperrealistusch ist.

 

Das mit dem Zeh oder Finger ist interessant. Denn gefühlt geht immer nichts. Nicht Arme Bewegen nicht Decke wegstrampeln nichts. 

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vor einer Stunde schrieb AlexanderEh:

Das Phänomen hat mich beunruhigt, aber zum Glück hatte ich keine starke Angst davor.

 

So ging es mir als Jugendliche auch, ich habe es aber auch nie als lebensbedrohlich empfunden. Und ich habe mich beim Lesen von @Vicas Beitrag gleich gefragt, ob es da irgendeinen Zusammenhang zum luziden Träumen gibt.

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Ja, als ich das mit Anfang 20 hatte, dachte ich auch - jetzt werde ich also echt verrückt. Ganz selten habe ich das noch, vor allem wenn ich sehr übermüded ins Bett gehe, alles was nach 03:00 Uhr Morgens ist, ist unangenehm. Aber nachdem ich es mittlerweile einzuschätzen weiß, ist es natürlich nur nervig aber kein Drama mehr, sondern eher interessant.  Leider hab ich es aus der Paralyse nie so richtig in ein luzides Träumen geschafft.

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Junge, Junge, was für abgefahrene Probleme es gibt.... Sehr interessant! Und wie viele von uns auch solche eigenen Erfahrungen gesammelt haben und nun sich - vielleicht ein wenig - von alleine helfen können durch diesen Fall. 

Ich träume auch Nachts sehr heftig, Albträume habe ich auch ab und zu. Ich knirsche gerne...und habe seit 20 Jahren eine Knirscherschiene. Jedoch leide ich wirklich heftig an verspannten Kiefer, der mir Nacken verspannt und sogar das Schlucken und Atmen nachts erschwert, weil der Mundraum eingeengt ist. Vor dem Schlafengehen wird der Hals auf einmal ganz eng... und Schlucken wird ganz schwer...

Das Problem habe ich seit einigen Jahren und erst diese Woche erkannt was die Ursache ist...  habe immer Nachts die fiesen Lutschtabletten gegen eingenommen oder Sprays...  nun habe ich 3x die Woche Massage am Kiefer und das Problem hat sich massiv gebessert. Ich kann mich auch selbst ein wenig massieren...

Haben auch andere das gleiche Problem?

 

Bearbeitet von der_alex
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Am 23.12.2023 um 03:01 schrieb der_alex:

Haben auch andere das gleiche Problem?

 

Bei mir war/ist es ein Kieferknacken und anspannen, kein Knirschen. Ich hatte dazu auch mal eine hilfreiche CMD-Massage. Das ist bei mir stressbedingt.

 

Was die Schlafparalyse angeht, kenne ich das in abgewandelter Form: Ich habe einen Alptraum, weiß auch, dass ich träume und will aufwachen, das geht aber nicht und ich fühle diese Lähmung. Kommt selten vor, ist dann aber unangenehm und wenn ich endlich doch wach bin, benötige ich einige Zeit, um mich zu entspannen und zu regenerieren und weiterzuschlafen.

 

Die Info, dass der Körper während der Traumphasen tatsächlich die Muskeln lähmt, fand ich da sehr erleichternd, als sich erstmals davon gelesen habe. Manchmal hat so ein Internet ja schon Vorteile. 😉 

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