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Higgins

Fernstudium Soziale Arbeit

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Hallo,

ich würde gerne mal eure Meinung zu folgendem Problem wissen:

 

Seit ich denken kann wollte ich Soziale Arbeit studieren. Hauptsächlich deshalb, weil ich mit Mitte Zwanzig eine ganze Weile ehrenamtlich als „Streetworker“ unterwegs war und die Arbeit großen Spaß gemacht hat. Wir sind in einer kleinen Gruppe losgezogen, haben Kaffee und Brötchen mitgenommen und uns dann an bekannten Szeneorten aufgestellt, um mit drogenabhängigen Leuten ins Gespräch zu kommen. Es gab gute Tage, an denen ich viele und tolle Gespräche hatte, aber auch schlechte Tage, an denen ich unsicher war, mit niemandem richtig reden konnte und Schwierigkeiten hatte auf die Leute zuzugehen.

 

Und genau da liegt das Problem. Von meiner Grundkonstitution her bin ich eher ein verschlossener Mensch, der lange braucht bis er mit anderen warm wird und wenig von sich selber erzählt. Ich halte mich ungern in großen Gruppen auf und rede weder gerne, noch viel. Small-Talk strengt mich eher an, d.h. ich komme gerne schnell zum Wesentlichen und führe lieber tiefergehende Gespräche als mich an der Oberfläche aufzuhalten. Um mich anzupassen und nicht unangenehm aufzufallen führe ich natürlich lockere Gespräche mit Arbeitskollegen und Patienten, aber Spaß macht mir das nur selten. Seit 20 Jahren bin ich Krankenschwester und den Patienten wenn möglich eher aus dem Weg gegangen. Vor allem deshalb, weil mich Krankheiten/ Krankheitsgeschichten nur wenig interessieren und ich auf der Small-Talk-Ebene schlecht kommunizieren kann.  

 

Tja, und jetzt ist es so, dass evtl. bald die Möglichkeit besteht, durch ein Fernstudium in Sozialer Arbeit doch noch zu meinem Traumberuf zu kommen. Nur weiß ich nicht ob es Sinn macht etwas zu studieren, für das man vielleicht gar nicht geeignet ist. Meine Freunde sagen, dass ich gut zuhören, auf andere eingehen und Probleme analysieren kann, dass ich also schon gewisse Kompetenzen aufweise um in diesem Job bestehen zu können. Andererseits macht mir meine introvertierte Persönlichkeit eben Sorgen und dass der Kontakt mit anderen Menschen sehr tagesformabhängig sein kann.

 

Wie seht ihr das? Gibt es hier Leute, die selber introvertiert sind und trotzdem Soziale Arbeit studiert haben bzw. gerne und gut in einem (auch anderen) sozialen Job arbeiten? Ist das überhaupt möglich, wenn man introvertiert ist?

 

Über Meinungen und Eindrücke würde ich mich freuen.

 

LG Higgins

 

Bearbeitet von Higgins

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Hi Higgins,

 

ich kann deinen Zwiespalt gut verstehen. Bei sämtlichen sozialen Themen und Berufen hat es den Anschein, dass man doch ein extrovertierter Mensch sein müsste, der anderen zugewandt ist und das Herz auf der Zunge trägt. Dennoch denke ich, dass du auf dem richtigen Dampfer ist, aus folgenden Gründen:

Zum einen ist da deine praktische Erfahrung als Street Worker, die dir Spaß gemacht hat. Du redest von SA auch als Traumberuf, in sofern scheint es durchaus eine Art Berufung zu sein. Jedenfalls übt es Faszination auf dich aus, und meiner Erfahrung nach ist ein Gedanke, zu dem man immer wieder zurückkommt, der richtige. 

Zum anderen denke ich, dass man in sozialen Berufen durchaus NICHT extrovertiert sein muss und auch NICHT viel Smalltalk machen muss. Was man haben muss, ist stattdessen KLARHEIT, d.h. man muss anderen eine Richtung vorgeben können, z.B. durch klare Absprachen, klare Grenzziehung, klare Regelvorgaben, dem Durchsetzen von Konsequenzen, aber auch klare Informationsweitergabe usw. Ich sehe es so, dass es sogar Vorteile hat, nicht zu viel zu quasseln und auch nicht zu viel persönliche Informationen preiszugeben:
1. Man vermeidet sogenannte Türöffner, z.B. dass Leute die persönliche Betreuung verwechseln mit persönlicher Zuneigung oder gar Freundschaft
2. Informationen/Regeln/Vorgaben/Hilfestellungen etc. können viel besser aufgenommen werden, weil nicht zu viel anderer Kram herausgefiltert werden muss
3. Viele Menschen schätzen eher ruhigere Betreuer. Betreuer die viel reden sind natürlich auch toll, aber viel reden heißt auch für den zu Betreuenden, dass er viel antworten muss. Das setzt unter Druck. 

Schlussendlich sollte man nicht vergessen, dass eine gewisse Offenheit sich auch mit dem Laufe des Studium noch einstellen kann. Man wächst also gewissermaßen auch rein.  
Ich kenne aber viele Erzieher, die verschlossen sind und auch Lehrer, die per se nicht die größten Kinderfreunde sind - das klingt widersprüchlich, aber trotzdem sind sie in ihrem Job erfolgreich, weil sie das Grundgerüst ihres Jobs durchsetzen: Regeln, Anleitung, Betreuung. 
Manche trainieren sich dann aber auch so eine Art "Berufs-Offenheit" an. Sie sind im Privatleben nicht wirklich offen, auf der Arbeit aber schon, weil das Teil des Jobs ist. 

Nachteile beim Thema Smalltalk sehe ich mehr im Umgang mit Kollegen. Aber auch da kann man - wenn es drauf ankommt - durchaus anders handeln, als man denkt. Heißt: Auch wenn es dich nicht wirklich interessiert, wie ihr Wochenende war, kann man es dennoch fragen, um Interesse zu signalisieren. Sozusagen als "soziale Maßnahme", um sich mit allen gut zu verstehen. DAs Interesse muss nicht aus deinem tiefsten Inneren kommen. 

Du kannst ja anbei - wenn es dich trotzdem stören sollte - versuchen, die Ursachen deiner Introvertiert zurückzuverfolgen. Warum zum Beispiel wolltest du den Kontakt zu den Patienten meiden? Was verbindest du mit Reden? Usw. So könntest du im Grunde probieren, das Feld von hinten aufzuräumen.Gibt ja auch viel, viel Literatur dazu :). 

So lange wünsche ich dir viel Erfolg beim neuen Ziel, denn ich bin der Meinung, du solltest es versuchen :) 

GlG
Vica



 

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vor 3 Stunden, Vica sagte:

 

Bei sämtlichen sozialen Themen und Berufen hat es den Anschein, dass man doch ein extrovertierter Mensch sein müsste, der anderen zugewandt ist und das Herz auf der Zunge trägt.

Naja, es hat nicht nur den Anschein. Diese Welt (und vor allem die im Krankenhaus) besteht zu einem Großteil aus extrovertierten Leuten, in deren Gegenwart man oft das Gefühl hat, dass einem etwas Entscheidendes fehlt. Mir wurde früher bei Beurteilungsgesprächen so oft kommuniziert, dass ich aufgrund meiner Zurückhaltung und Schweigsamkeit „anders“ und  „komisch“ wäre, dass ich mich heute noch extrem gehandicapt fühle. Und das, obwohl ich mich inzwischen im Rahmen meiner Möglichkeiten an meine Umgebung angepasst habe.

Du redest von SA auch als Traumberuf, in sofern scheint es durchaus eine Art Berufung zu sein. Jedenfalls übt es Faszination auf dich aus, und meiner Erfahrung nach ist ein Gedanke, zu dem man immer wieder zurückkommt, der richtige. 

 

Hm, also ich weiß nicht ob man das unbedingt als Indikator dafür nehmen kann, dass man beruflich die richtige Richtung einschlägt. Es gibt so viele Leute die bspw. Sänger, Tänzer oder Schauspieler werden möchten und dieses Ziel auch mit Nachdruck verfolgen, ohne jedoch das dafür nötige Talent zu besitzen. Nur weil man etwas unbedingt will ist es nicht zwingend das Richtige.


Du kannst ja anbei - wenn es dich trotzdem stören sollte - versuchen, die Ursachen deiner Introvertiert zurückzuverfolgen. Warum zum Beispiel wolltest du den Kontakt zu den Patienten meiden?

Das hat viele Gründe. Zum einen ist der Pflegejob per se und oft ungewollt grenzüberschreitend, d.h. man kommt den Menschen ziemlich nah, v.a. körperlich, trotz professioneller Distanz. Das allein ging schon gegen meine „Natur“, dieses ad hoc persönliche und intime. Dann hat man oft eher  unfreiwilligen Kontakt zu den Leuten, d.h. man kann sich nicht (oder nur selten) aussuchen wen man betreut. Dazu kommt, dass ich kein echtes und tiefes Interesse für körperliche Krankheiten habe und dementsprechend auch nicht für entsprechende „Leidensgeschichten“ oder Nöte in deren Zusammenhang. Und zuletzt wollte ich vermeiden, permanent auf meine - in meinen Augen - größte Schwäche gestoßen zu werden: ungeschickt im Small-Talk zu sein, oft nicht zu wissen was ich auf bestimmte Äußerungen sagen soll, nicht so witzig und schlagfertig sein zu können wie meine Kollegen. Ich war oft überfordert: auf der einen Seite die meinerseits ungewollte Nähe, auf der anderen Seite die körperlich und seelisch anstrengende Arbeit unter hohem Arbeitsaufkommen und extremen Zeitdruck. Da hab ich einfach Abstriche bei der Kommunikation gemacht, weil ich das mMn sowieso nicht gut konnte und es wichtiger war die Arbeit zu schaffen.

Bei der Straßenarbeit war das irgendwie alles anders... Da war eine Gruppe von Menschen für die ich mich wirklich interessierte und von deren Lebensumständen, Sorgen und Nöten ich etwas erfahren wollte. Das hat viele Dinge vereinfacht, auch wenn die Arbeit selber oft nicht einfach war.

Was verbindest du mit Reden?

 

In erster Linie die Offenbarung meiner vermeintlich größten Schwäche. Nicht nur in meiner letzten Arbeit sondern auch jetzt bin ich wieder hauptsächlich mit Kollegen konfrontiert, die viel und schnell reden, laut reden, bei jedem zweiten Satz lachen, unheimlich witzig sind und natürlich wahre Künstler im Small-Talk betreiben. Ich bemühe mich zwar dem gerecht zu werden, aber das kann ich einfach nicht leisten. Vielleicht will ich das auch gar nicht, aber man fühlt sich halt manchmal wie ein Alien, weil der Unterschied so prägnant ist. Und ich weiß halt nicht, in welchem Ausmaß das bei der Sozialen Arbeit gefordert ist, die - vermutlich - nochmal eine ganz andere Kommunikations-Qualität verlangt als die Pflege.


So lange wünsche ich dir viel Erfolg beim neuen Ziel, denn ich bin der Meinung, du solltest es versuchen :) 

Danke, ich überlegs mir. Du hast mir ein paar interessante Denkanstöße gegeben, danke dafür. :)

LG Higgins

 

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Hallo Higgins,

 

Ich glaube das Problem ist eher, dass Du noch nicht weißt, wie vielseitig Du mit dem Abschluss in Sozialer Arbeit aufgestellt bist. Was ich nun schreibe, ist auf jeden Fall unvollständig. Schau doch mal beim DBSH vorbei. Der Berufsverband kennt da noch mehr. 

So kannst Du z.B auf dem Amt arbeiten, als Sachbearbeiter. Entweder Jugend, Soziales, Arbeit,...

Du kannst auch Sozialdienst machen. Das kann je nachdem eher  den Charakter von Sachbearbeiter haben, z.B. wenn Du in der Behindertenhilfe tätig bist ( da ist die Beratungsfunktion eher weniger als z.B. im Krankenhaus).

Du kannst auch in der Wirtschaft arbeiten. Auf manchen Positionen werden Leute mit diesem Hintergrund gerne gesehen, wie z.B. in der Personalabteilung. Dann gibt es aber auch Stellen, wo nur wichtig ist, überhaupt studiert zu haben. So habe ich mal eine Sozpäd getroffen, die beim Rechtsanwalt sitzt. Da ist der Kontakt zu Menschen auch nicht so viel, weil das macht ja der Anwalt.

 

Auch ich habe kaum Kontakt zu Klienten, dafür aber zu meinen Mitarbeitern. 

 

Der Beruf ist also extrem vielfältig. Da dürfte doch auch was für Dich dabei sein:)

 

LG

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Hallo Higgins,

 

ich denke zunächst solltest du deine Charaktereigenschaften zu akzeptieren versuchen. Es ist keine Schwäche introvertiert zu sein. Man begegnet introvertierten Menschen in vielerlei Positionen (darunter auch Politiker oder Schauspieler) und nicht selten werden sie von ihrer Umwelt als angenehmer Ruhepol angesehen und wertgeschätzt.

 

In dieser Eigenschaft verbergen sich nicht wenige Stärken. Sicherlich wirst du deine Worte immer sehr gut abwägen anstatt unverblümt darauf los zu plaudern. Dein Urteilsvermögen diesbezüglich kann für andere daher auch von besonderem Wert sein. Möglicherweise bist du für manche auch Problemlöser und Ratgeber. Dass man es in gewissen Positionen (z.B. Management) nicht immer einfach haben wird, dürfte klar sein, aber unmöglich ist es nicht. Der erste Schritt sollte immer sein zu sich selbst zu stehen.

 

Auch in der sozialen Arbeit wirst du sicherlich deine Nische finden. Wenn dein Herz daran hängt und du die Möglichkeit hast diesen Weg einzuschlagen, sind das doch schon mal gute Voraussetzungen.

Einen Versuch wäre es sicher wert. Ob es sich gelohnt hat, wirst du ohnehin erst danach bewerten können.

Andernfalls wird dir das plagende Gefühl, warum du es nicht versucht hast, bleiben.

 

Eine ehemalige Kollegin von mir hat auch nach der Pflegeausbildung nebenbei soziale Arbeit studiert. Sie ist mittlerweile in der Betreuungsstelle tätig und glücklich mit ihrer Entscheidung. Auch sie ist ihrem Traum gefolgt.

 

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren Weg, wie auch immer er aussehen mag.

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