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Raus aus der Pflege - Branchenwechsel gesucht


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Hallo,

 

ich hadere schon seit längerem mit meinem Job und überlege, ob ich nicht nur ein Fernstudium, sondern damit verbunden auch einen kompletten Branchenwechsel hinlegen soll.

Einmal zu meiner Situation:

Ich bin Gesundheits- und Krankenpflegerin und habe in diesem Bereich auch einen abgeschlossen Bachelor bzw. Master. So weit, so schön.

Nun ist es so, dass ich verschiedene Dinge, die der Job mit sich bringt, einfach nicht mehr haben will bzw. ausführen möchte. Hierzu zählen insbesondere:

  • Schichtwechsel - vor allem der Nachtdienst bringt meinen Biorhythmus mittlerweile komplett durcheinander. Frühdienst: ich hasse es, morgens um 5 Uhr im Dunkeln durch menschenleere Straßen zur Arbeit zu laufen und dabei irgendwelchen halbseidenen Gestalten zu begegnen. Spätdienst - Privatleben ade! Tätigkeiten in der Pflege mit geregelten Arbeitszeiten sind leider rar.
  • Wochenend-/Feiertagsdienste - auch das nervt mich, aber viel schlimmer sind - wie oben bereits geschrieben - die ständigen Schichtwechsel
  • ein ganz wichtiger Punkt: ich habe studiert und das, was ich an Kompetenzen erlernt habe (auch praktisch durch meine Erfahrung im Beruf) wird absolut nicht anerkannt: ich "darf" nicht mehr als ohne Studium entscheiden/tun/... Meine Vorgesetzten haben kein Studium abgeschlossen (das muss auch nicht sein, aber es fehlt eben dann auch der Blick für studierte Mitarbeiter und deren Komepetenzen) und sind vom Berufsverständnis ziemlich veraltet. Das bremst dann so ziemlich jede innovative Bemühung aus
  • ich werde vornehmlich in der stinknormalen "Pflege" eingesetzt - also, das, was meine Vorgesetzten unter "Pflege" verstehen: ich sehe dies eher als Hilfsarbeiten, wie z.B. Patientenklingeln ablaufen, Getränke bringen, Bettpfannen hinbringen/abholen, die Organisationstante spielen und irgendwelche Termine mit dem Röntgen vereinbaren, permanent Auskunft über alles Mögliche erteilen bei gleichzeitigem Informationsdefizitmanagement ("Wann kommt denn der Arzt?" "Gestern sagte der Arzt, dass noch der Physiotherapeut kommt" "Können Sie mir dies/das/jenes bringen?" "Ich finde es eine Unverschämtheit, dass die Logopädin gestern nicht da war - rufen Sie die sofort an und sagen ihr das"...) --- Ich bin dafür ausgebildet, bei Pflegebedürftigen den Pflegebedarf zu erheben, Patienten und Angehörige gesundheitsbezogen zu beraten und habe hierfür mehrere Weiterbildungen: Schmerztherapie, Wundtherapie, Diabetesberatung und und und - ich kann kaum etwas davon nutzen, obwohl ich genau DAS sehr gerne mache. Diese Kompetenzen liegen brach zugunsten der oben aufgezählten Hilfstätigkeiten, für die man in meinen Augen keine absolvierte 3jährige Ausbildung benötigt. Wenn ich denn MAL in die Verlegenheit komme, fachlich zu beraten, dann weiß ich ganz genau, dass ich hierfür maximal 3 min Zeit zwischen Tür und Angel habe, weil sonst wieder eine Klingel oder ein Telefonanruf droht. Ich finde meine Jobsituation absolut unbefriedigend. Ich möchte jetzt nicht, dass der EIndruck entsteht, dass ich einen Akademikerdünkel hätte. Nein, Beratung, Pflegebedarf erheben usw - DAS lernt man in der stinknormalen Ausbildung, deswegen dauert die auch drei Jahre. Kein Mensch muss drei Jahre für die oben dargestellten Tätigkeiten lernen, die jedoch (nicht nur) meinen Arbeitsalltag bestimmen und die von vielen meiner Kollegen fraglos übernommen werden. Natürlich, wenn jemand eine Frage hat, dann beantworte ich die auch - ABER mein eigentlicher beruflicher Schwerpunkt wird mir genommen und ist kaum ausübbar.
  • Was mir weiterhin extrem auf den Keks geht: ich bekomme absolut keine Anerkennung. Ich werde einfach so von Angehörigen/Patienten geduzt bzw. als "dumme Schwester" behandelt. Mediziner sehen Pflegende nicht als professionelle Berufsgruppe, die zufällig in derselben EInrichtung arbeiten und mit denen man auch gemeinsam einen Patienten unterstützen könnte - sondern als Gehilfen, die die Station managen oder irgendwelche Unterlagen einscannen (das ist nicht Pflege!!! Das ist Sekretariatsaufgabe). Als ich letztens eine Oberärztin um einen Termin bat, um ein zu entwickelndes Versorgungskonzept für Patienten mit Rheuma durchzusprechen, wurde ich ziemlich herablassend behandelt und abgekanzelt. Hallo!? Die Patienten bekommen ihre Diagnose dahingerotzt, werden auf nichts vorbereitet, was ihnen so alles mit ihrer Erkrankung nun bevorsteht und kommen sechs Wochen später, weil die Therapie aus Unwissenheit und mangelnder Beratung versagt hat- und es gibt Schulungsmöglichkeiten - und ich kenn die Inhalte, ich kann schulen und habe EIGENTLICH auch genau den richtigen Job dafür. Un das wird gar nicht ernst genommen. Ich habe eine Ausbildung und einen Masterabschluß - und ich kann was. Und genau diesen Umstand finde ich auch nur noch unerträglich

Kurzum: ich brauche dringend eine Luftveränderung und suche nach beruflichen Alternativen. Das wird in der Pflege einfach nicht besser und ich will so einfach nicht mehr arbeiten. Ich will nur noch raus aus der Pflege. Ich interessiere mich "relativ breit" - ich mag z.B. gerne Chemie/Biochemie und habe mir auch Informationen zu einem Pharmaziestudium besorgt. Leider kann ich dies aufgrund der zahlreichen Pflichtveranstaltungen absolut nicht leisten. Ich muss weiterhin meinen Lebensunterhalt verdienen und daher muss ein mögliches (Fern)-Studium zumindest mit einer Halbtagsstelle vereinbar sein.

Ich interessiere mich auch sehr für Politik und volkswirtschaftliche Zusammenhänge - und obwohl ich eben so geschimpft habe, bin ich berufspolitisch sehr neugierig - und so bin ich auf Jura gestoßen und habe nun einiges dazu gelesen. Ich habe großen Respekt vor dem Lernaufwand im Studium und kann auch überhaupt nicht einschätzen, inwiefern ich überhaupt Chancen in dieser Branche hätte. Ich stufe die eher als "sehr gering" ein. Ich habe in den letzten Tagen das Online-Self-Assessment zur Studienwahl Rechtswissenschaft an der Fernuni gemacht und war ganz überrascht, dass ich nach diesem Tool eine sehr hohe Übereinstimmung hatte - aber gut, das war ja auch nur ein kleiner Test.

Ich bin jetzt 42 Jahre alt - wenn ich in Teilzeit an der Fernuni Hagen studiere, bin ich bei Studienabschluß in Regelstudienzeit (sofern ich die überhaupt packe...) fast 50 Jahre alt. Und dann stellt sich die Altersfrage. Für mich ist auch noch nicht klar, was ich damit ganz konkret machen möchte. Ich sehe mich nicht als Richterin oder Staatsanwältin - am ehesten noch Rechtsanwältin - aber eher noch als Angestellte in einem Unternehmen. Wie oben bereits angedeutet - ich berate sehr gerne. Ich denke auch, dass sich Jobalternativen im Laufe des Studiums zum Teil schon ergeben könnten, wenn ich entsprechend Augen und Ohren offen halte und mich dahingehend orientiere. Ich hätte schon Interesse daran, meine Erfahrung aus dem Gesundheitswesen mit den Rechtswissenschaften zu verbinden, z.B. im Medizinrecht oder auch in der berufsständischen Vertretung z.B. Pflegekammer. Ich kann mir auch sehr gut vorstellung, dass zukünftig das Pflegerecht/Begutachtung eine immer größere Rolle spielen wird (demographische Entwicklung, zudem "produziert" die moderne Medizin immer mehr pflegebedürftige Menschen, die vor einigen Jahren noch verstorben wären, aber nun (schwerst)pflegebedürftig überleben)

Mich würden hier Meinungen interessieren, wie ihr das so seht. Ist das eine totale Schnapsidee? Oder habt ihr vielleicht alternative Ideen?

 

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Hallo!

Im Prinzip sprichst Du mir sehr aus der Seele. Du zählst alle Punkte auf, an denen die Pflege krankt. 

Interessant finde ich aber, dass Du bis zum Master studiert hast und scheinbar gedacht hast, das würde etwas an Deiner Situation ändern. Das System ist, wie es ist: für Master ist da (noch?) kein Platz. Und man kann es kaum von innen heraus verändern.

 

Ist es vielleicht eine Alternative zu schauen, was Du mit Deinen Abschlüssen sonst noch anfangen kannst? Welche sind das genau?

 

Du könntest unterrichten, Du könntest in die Pflegeberatung gehen, ins Qualitätsmanagement... da werden besonders an großen Unikliniken gerade so viele Stellen geschaffen für akademisierte Pflegekräfte.

 

Das fällt mir so spontan ein, anstatt noch einmal komplett neu anzufangen.

 

Viele Grüße

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Dies ist jetzt meine dritte Stelle, die ich angetreten habe, welche explizit für Masterabsolventen aus der Pflege ausgeschrieben ist. Das System Pflege krankt einfach und ist nicht mit anderen Branchen vergleichbar - der Markt für akademische Pflege ist leider sehr überschaubar.

Es gibt bundesweit nur eine handvoll Kliniken, die ernsthafte Bestrebungen haben und solche Jobs offerieren, wie ich sie gerne hätte.

Ich bin es leid zu kämpfen, ich mache das seit mehreren Jahren - das ist ein Kampf gegen Windmühlen

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Am 20.11.2019 um 15:11 , Silberpfeil schrieb:

dass Du bis zum Master studiert hast und scheinbar gedacht hast, das würde etwas an Deiner Situation ändern. Das System ist, wie es ist: für Master ist da (noch?) kein Platz. Und man kann es kaum von innen heraus verändern.

 

Ja, ich habe tatsächlich gedacht, dass man etwas bewegen könnte und habe eigentlich zunächst aus Interesse das Studium begonnen. Ich hab dann ganz schnell festgestellt, dass das Studium (sowohl der Bachelor, als auch der Master - hab in verschiedenen Städten studiert) quasi mein zweites Zuhause geworden ist - ich habe mich sauwohl gefühlt. Inhaltlich war es genau das Richtige, tolle Profs, nette Kommilitonen.

Umso erfreuter war ich, als ich die Entwicklung in der bereits erwähnten Handvoll Kliniken gesehen habe, dass so ganz langsam der Veränderungswille aufkam und man zusehends Pflegestudium-Absolventen einstellen wollte. Ich habe dann auch direkt nach dem Masterabschluss eine solche Stelle bekommen - auch mit guter Eingruppierung und zahlreichen Visionen/Versprechungen.

Zusammenfassend kann ich sagen - bei all meinen Masterabsolventenstellen (davon waren zwei an Unikliniken):

Absolut kein Unterschied zu den bereits oben angedeuteten Tätigkeiten - aber zugleich wurde mit mir angegeben à la "schaut her, und das ist unsere Masterabsolventin und wir sind ganz toll innovativ" bei gleichzeitigem Desinteresse daran, was ich tatsächlich entwickelt/entworfen/erarbeitet habe. Mit mir hatten in diesen Kliniken noch andere Masterabsolventen begonnen, mittlerweile ist keiner mehr dort geblieben, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist bzw. weil man einfach nicht die Kompetenzen einbringen kann, die man hat.

Für mich klingt es mittlerweile fast wie Hohn, wenn ich dann höre "ja schau dich um und wechsel den Arbeitgeber". Ich weiß, dass dieser Rat gut gemeint ist - aber die Pflegebranche ist einfach anders und es läuft nicht so wie in anderen Branchen. Ich war örtlich wirklich sehr flexibel (bin für den ersten Job, über 400 km weit und für den vorletzten Job über 600 km umgezogen), nur um eben eine dieser raren Stellen zu bekommen. Nun mittlerweile lebe ich wieder in Heimatnähe, was ich auch sehr schön finde. Das Gesundheitswesen ist so ein ganz eigener Bereich - ich habe den Eindruck, wenn ich hier Beiträge lese, wie es in anderen Branchen so läuft, dass wir in den Kliniken tatsächlich auf einem ganz anderen Planeten leben. Und eigentlich würde ich diesen Planeten gerne verlassen.

Fachlich - bin ich absolut dabei. Das interessiert mich, das würde ich auch gerne beibehalten.

Aber ich bin auch nicht naiv und bin auch bereit, etwas komplett anderes zu machen und auf dieses fachliche Interesse zu verzichten.

Natürlich habe ich mich mit anderen Berufen innerhalb der Pflegeszene befasst, aber keiner davon sagt mir richtig zu. Die Auseinandersetzung mit Alternativen im Pflegebereich ist für mich nicht neu (wäre ja auch seltsam 😉 )

Ich habe vor vier Jahren an einer Pflegeschule ein Praktikum absolviert, um zu schauen, ob das etwas sein könnte.

Ja, grundsätzlich schon, aber ich weiß nicht, ob ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann, hunderte junger Menschen diesen Beruf anzupreisen, der so überaus belastend ist. Dass ich ihnen Dinge beibringen soll, von denen ich genau weiß, dass sie in der Praxis ignoriert werden bzw. untergehen.

PDL bzw. Managementebene - auch das sehe ich problematisch - Stichwort Mängelverwaltung. Soll ich ernsthaft im QM Vorgaben erstellen, obwohl ich genau weiß, dass die Stationen nur mit Notbesetzung laufen und dann auf die Einhaltung dieser Vorgaben pochen? Das kann ich mir nicht wirklich vorstellen.

Pflegeberatung - ja, das wäre etwas, leider kaum Stellen.

 

 

Bearbeitet von Markus Jung
Vollzitat gekürzt
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vor 9 Stunden, Kaffeepause schrieb:

 

Ja, grundsätzlich schon, aber ich weiß nicht, ob ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann, hunderte junger Menschen diesen Beruf anzupreisen, der so überaus belastend ist. Dass ich ihnen Dinge beibringen soll, von denen ich genau weiß, dass sie in der Praxis ignoriert werden bzw. untergehen.

 

Unterricht ist keine Werbeveranstaltung, und als Pädagoge ist man kein Verkäufer. Was man vermitteln kann ist kritisches Denken, Hinterfragen, Fachlichkeit statt Halbwissen.

Dass der Beruf belastend ist, wissen die Schüler selbst sehr genau. Was sie brauchen ist Resilienz und ein Rollenvorbild, das ihnen eben nicht die „Schwester“ mit Helfersyndrom vorlebt, sondern ein neues professionelles Bild vermittelt.

 

Zusammengefasst klingen Deine Texte tatsächlich nach einem Ausstieg aus der Branche.

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Ich werfe auch mal naiv ein, dass es in vielen Berufsfeldern üblich ist, als auf dem Papier Fachremde(r) zu arbeiten. Vielleicht ist es gar nicht notwendig, x Jahre in eine neue theoretische Ausbildung zu investieren, die dann ja doch keine Garantie auf beruflichen Erfolg und persönliches Glück und Zufriedenheit gibt – zumal die am Horizont aufziehende Altersdiskriminierung ja auch noch droht.

 

Wenn Politik ein Thema ist, könntest du  dir z.B. überlegen, dich in Richtung von Verbänden oder Lobbyorganisationen zu orientieren, oder z.B. entsprechende Fachpolitiker anzusprechen. Das sind alles keine großen Job-Pools, aber komplett unmöglich wäre es sicher auch nicht. Zumal dort, wo jemand mit deinem Profil gut gebraucht werden könnte, das Angebot ja auch nicht sehr groß sein dürfte. Wer hat schon die akademische Ausbildung plus die Praxiserfahrung aus der Mühle des Systems in Kombination zu bieten?

 

(Ist sicher auch typabhängig. Ich kenne aus meinem Umfeld Menschen, die setzen sich in den Kopf, so etwas zu machen, glauben dann ganz fest daran (am Rande der Realitätsverzerrung), und bekommen am Ende was sie wollen. Das sind wohl die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.)

Bearbeitet von Gast
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